Der Christopher Street Day in Berlin wurde am Samstagabend abgebrochen, nachdem ein Auto in eine Menschenmenge gerast war. Eine Frau kam ums Leben, nach Angaben des Bundesinnenministeriums wurden 29 weitere Personen verletzt. Die Berliner Feuerwehr sprach am späten Sonntagnachmittag von 21 weiteren Verletzten, die behandelt wurden.
Das ist über den Vorfall bekannt
Gegen 22 Uhr fuhr ein weißer Kleinbus in Höhe der Lennéstraße in den Tiergarten. Der Fahrer erfasste mehrere Menschen, möglicherweise auch überrollte er sie, bevor das Fahrzeug mit einem Baum kollidierte. Anschließend flüchteten die Tatverdächtigen. Das zerstörte Fahrzeug wurde im Bereich des Ahornsteigs sichergestellt.
Die Feuerwehr bestätigte den Tod einer Frau. Fünf Verletzte schwebten zunächst in Lebensgefahr, fünf weitere wurden schwer verletzt. Am Sonntagnachmittag gab die Polizei Entwarnung: Alle Verletzten seien außer Lebensgefahr. Zudem mussten 45 Personen durch die Psychosoziale Notfallversorgung betreut werden.
Fahndung nach Abdul Ballout
Die Polizei identifizierte den 21-jährigen Abdul Ballout als mutmaßlichen Täter. „Der Mann ist polizeibekannt und wird der islamistischen Szene in Berlin zugerechnet“, sagte ein Polizeisprecher. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa hat Ballout Familie in Berlin und wurde erst im Mai 2026 aus dem Jugendarrest entlassen. Er soll deutscher Staatsbürger libanesischer Herkunft sein und 2005 in Berlin geboren sein.
„Alles deutet darauf hin, dass wir es mit einem islamistischen Terroranschlag zu tun haben“, erklärte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Sonntag. Der Generalbundesanwalt übernimmt die Ermittlungen.
Laut Zeugenaussagen soll Ballout nach der Todesfahrt mit einer Stichwaffe, mutmaßlich einer Machete, auf Passanten losgegangen sein. Die Polizei warnt: Der Verdächtige gilt als „möglicherweise bewaffnet und gefährdet“. Er ist etwa 1,90 Meter groß, schlank, mit schwarzen Haaren, bekleidet mit schwarzem Hoodie und weißer Hose.
Hintergrund des Verdächtigen
Nach Informationen von „Bild“ aus Sicherheitskreisen ist Ballout Anhänger der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Der „Spiegel“ berichtet, dass er im vergangenen Jahr versucht habe, sich dem IS anzuschließen – nach einer Rückkehr aus dem Libanon landete er in Untersuchungshaft. Die Berliner Ermittler warfen ihm die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor. Die Staatsanwaltschaft forderte knapp drei Jahre Haft, das Gericht verhängte jedoch eine Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung.
Recherchen von „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR zufolge war Ballout den Sicherheitsbehörden seit Jahren als islamistischer Gefährder bekannt. Bereits als Jugendlicher sei er in der Szene aufgefallen und ab dem 16. Lebensjahr erfasst worden. Nach seiner Freilassung hatte er die Auflage, an 26 Gesprächsterminen mit einer Deradikalisierungsberatung teilzunehmen. Er nahm die ersten beiden Termine im Juni und Juli wahr; ein dritter Termin war für Montag geplant.
Thomas Mücke, Leiter der Organisation „Violence Prevention Network“, bestätigte gegenüber der ARD zwei Treffen mit Ballout. Der Mann sei „nicht fassbar“ und „undurchschaubar“ gewesen.
Festnahme und laufende Ermittlungen
In der Nacht zum Sonntag nahm die Polizei einen weiteren Mann fest, der laut Polizei der mutmaßliche Beifahrer des Täters war. Nach Informationen des RBB handelt es sich um einen Mann mit iranischer Staatsbürgerschaft. Er wurde mit einer blutenden Kopfwunde in Tatortnähe aufgegriffen. Ein DNA-Test soll nun klären, ob er tatsächlich im Fahrzeug saß. Die Wohnung des Hauptverdächtigen in der Bissingzeile im Tiergarten wurde durchsucht und anschließend versiegelt.
Die Fahndung nach Abdul Ballout läuft bundesweit. An Bahnhöfen, Flughäfen und Grenzen sind Polizei und Bundespolizei im Einsatz. Der Tiergarten und der S-Bahnhof Anhalter Bahnhof wurden mit Wärmebildkameras abgesucht.
Offene Fragen
Unklar ist, wo sich der Tatverdächtige aufhält. Die Polizei vermutet ihn weiterhin in Berlin. Wie Ballout trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen mit dem Auto in den Tiergarten gelangen konnte, ist ebenfalls ungeklärt. Auch die genaue Einordnung der Tat – als Terroranschlag, Amoktat oder anderes – steht noch aus. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sagte, es sei zu früh für eine abschließende Bewertung. Das Motiv ist nicht bekannt, ebenso wenig die Identität der getöteten Frau und weiterer Verletzter.
Am Sonntag legten Menschen vor dem Brandenburger Tor Blumen nieder, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen.



