Am Freitag vor ihrem Berlin-Besuch meldeten sich Massive Attack auf ihren Social-Media-Kanälen extrem enttäuscht zu Wort: Den Auftritt auf dem spanischen „Primavera“-Festival hatte die Band am Vorabend aus Sicherheitsgründen absagen müssen, über Barcelona war ein schweres Unwetter aufgezogen. Die Reizüberflutung, mit der Massive Attack bei ihren Konzerten arbeiten, ist auch eine Art Gewitter – für das menschliche Auge. Abwechselnd purzeln Textfragmente und kryptische Zahlenkolonnen in rot und weiß über die XXL-Videowand, in einer Geschwindigkeit, als wäre ein Nachrichtenticker explodiert.
Vorgruppe 47 Soul: Palästina-Fahne als Protest-Folklore
In der Zitadelle Spandau überlässt die Band allerdings vorab 47 Soul die Bühne – und setzt so den Ton für ein Konzert, das nicht weniger will als den 10.000 Zuschauern die Welt zu erklären. Die Vorgruppe, die in Jordanien gegründet wurde, singt und rappt abwechselnd auf Arabisch und „broken English“, ihre Songs verbinden Reggae, Electro und die traditionelle fernöstliche Dabke-Musik. Parolen wie „Stop the genocide!“ und das Schwenken einer Palästina-Fahne sind Teil dieser Folklore.
Massive Attack: Ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk
Während 47 Soul ihre Botschaften eher unterkomplex rüberbringen, ist der Auftritt von Massive Attack ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk. Ein roter Faden in den Filmen ist (neben Ausbeutung und Kolonialismus gestern und heute) ein Makake namens „Pager“, der mit Hilfe eines Gehirn-Implantats erstaunliche Dinge tun kann (etwa ein Videospiel steuern). Dahinter steckt das Unternehmen Neuralink, einer der Investoren ist Elon Musk. Elon Musks ferngesteuerter Affe als Zukunft der Menschheit? Die Menschheit könnte sich affenartig in eine ähnlich ferngesteuerte Zukunft bewegen, in der Tech-Finsterlinge wie Musk und Peter Thiel alle Macht übernehmen, so die Essenz des Auftritts.
Überwachung und Politik: Warnung vor totalitären Verknüpfungen
Die Band lässt die von Thiels Firma Palantir entwickelte Überwachungs-Software Gotham spielerisch auf das Publikum los, projiziert unscharfe Zufallsfotos einzelner Besucher und warnt, welche totalitären Verknüpfungen mit dieser Gesichterkennung möglich wären. Der klassische Massive-Attack-Sound (aufreizend langsame Bässe, Vinyl-Schallplatten-Knistergeräusche, elegische Keyboards, viel Echo auf dem Schlagzeug) wird beim Konzert eher kurzgehalten, mit jeweils zwei Songs der Gastsänger Horace Andy und Deborah Miller. Der Jamaikaner Horace Andy ist bei Massive Attack für den knarzigen Soul zuständig, Miller für die hymnischen Momente vom Debütalbum „Blue Lines“.
Massive Attack erklären die Welt: Immer ist Israel schuld
Wer von einem Pop-Konzert wohltuende Berieselung erwartet, ist bei Massive Attack an der falschen Adresse. Während Miller einen der schönsten Songs („Safe from Harm“) anstimmt, ist auf der Videowand die Hölle los: Fünf Minuten Zahlen-Druckbetankung zum Gaza- und Libanon-Krieg. Wie viele zerbombte Krankenhäuser, wie viele getötete Journalisten und humanitäre Helfer, und so weiter. Israel ist in dieser dezidiert einseitigen Darstellung alleiniger Aggressor, Hamas oder Hisbollah kommen nicht vor.
Arab Barghuti: Bindeglied zwischen 47 Soul und Massive Attack
Das Bindeglied zwischen 47 Soul und Massive Attack ist in Berlin der Palästinenser Arab Barghuti. Sein Vater Marwan sitzt seit 24 Jahren in einem israelischen Gefängnis, verurteilt zu fünfmal lebenslang. „Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft kann Israel nicht einsperren“, erklärt Barghuti junior den Zuschauern in der Zitadelle. Zuversicht gebe ihm das Beispiel Nelson Mandela, mit dessen Freilassung 1990 die Apartheid in Südafrika endete.



