In der Nacht zum Samstag hat die russische Armee erneut einen massiven Raketenangriff auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw geflogen. Nach übereinstimmenden Medienberichten wurden bei dem Beschuss mindestens neun Menschen getötet und 23 verletzt, darunter zwei Teenager. In mehreren Stadtbezirken brachen Feuer aus, die Rettungskräfte waren die ganze Nacht im Einsatz.
Der Bürgermeister von Kyjiw, Vitali Klitschko, schrieb auf seinem Telegram-Kanal, dass in mehreren Bezirken Wohnhäuser und Gewerbegebäude beschädigt wurden. Er berichtete von Autos, die in Flammen standen. Ein fünfstöckiges Wohnhaus sei durch herabstürzende Raketentrümmer beschädigt worden, in ihm seien Menschen eingeschlossen gewesen. Klitschko rief die Einwohner auf, in Schutzräumen zu bleiben. Viele Bewohner verbrachten die Nacht erneut in U-Bahn-Stationen oder im Freien. Das genaue Ausmaß der Schäden war zunächst unklar.
Selenskyj fordert mehr Luftabwehr
Präsident Wolodymyr Selenskyj bezifferte die Bilanz des Großangriffs: Die Ukraine habe nur eine von 27 ballistischen Raketen abschießen können, sagte er. Seinem Land fehlten Abfangraketen für die US-Patriot-Systeme. Insgesamt habe Russland 35 Raketen abgefeuert – darunter 27 ballistische Raketen – sowie 185 Kampfdrohnen. Das Hauptziel sei die Hauptstadt Kyjiw gewesen.
Mit den massiven Luftangriffen versucht Moskau nach Einschätzung von Militärexperten, die ohnehin stark beanspruchte ukrainische Flugabwehr weiter zu überlasten. Als wirksamstes Mittel gegen ballistische Raketen gelten Patriot-Abfangraketen, von denen Kyjiw eigenen Angaben zufolge derzeit nicht mehr genügend hat.
Trump zögert bei Patriot-Lizenz
Am Freitag hatte sich US-Präsident Donald Trump zurückhaltend zu einer möglichen Vergabe einer Lizenz an die Ukraine zur Herstellung von Patriot-Abfangraketen geäußert. Dies hatte er Anfang Juli am Rande des Nato-Gipfels in Ankara noch in Aussicht gestellt. Eine Entscheidung darüber könnte für die künftige Verteidigungsfähigkeit der Ukraine entscheidend sein.
Seit Februar 2022 wehrt sich die Ukraine mit westlicher Hilfe gegen eine russische Invasion. Der Krieg hat bereits Zehntausende Todesopfer gefordert und weite Teile des Landes zerstört.
Schon am Donnerstag war Kyjiw Ziel eines Großangriffs
Bereits am Donnerstag standen Kyjiw und andere ukrainische Städte bei einem groß angelegten Angriff im Visier Russlands. Landesweit kamen dabei ukrainischen Angaben zufolge mindestens zehn Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt. Auch Lwiw, die Stadt im Westen des Landes nahe der polnischen Grenze, beklagte schwere Schäden.
Bei diesem Angriff war ein Flugobjekt in den Luftraum des Nato-Staats Polen eingedrungen und abgestürzt. Nach Angaben der polnischen Regierung handelte es sich um einen russischen Marschflugkörper.
Ukrainische Drohnen über Moskau abgefangen
Die Ukraine hat derweil erneut Ziele in Russland angegriffen. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin teilte mit, vier Drohnen seien zerstört worden. Über mögliche Schäden wurde zunächst nichts bekannt. Das ukrainische Militär nimmt regelmäßig auch Ziele in Russland ins Visier, um den Krieg in das Land des Angreifers zu tragen.
Das Ausmaß der durch ukrainische Angriffe verursachten Schäden und die Zahl der Opfer sind jedoch nicht mit den von Russland angerichteten Zerstörungen in der Ukraine zu vergleichen. Die Angriffe auf Kyjiw und andere Städte treffen vor allem die Zivilbevölkerung schwer.



