Beim Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta sind nach Angaben der spanischen Regierung mindestens 67 Migranten ums Leben gekommen. Tausende Menschen hatten innerhalb weniger Tage versucht, aus Marokko in das nordafrikanische EU-Gebiet zu gelangen. Die Ereignisse haben einen schweren diplomatischen Konflikt zwischen Spanien und mehreren EU-Partnern ausgelöst – insbesondere Italien und Dänemark fordern ein härteres Vorgehen. Die Exklave Ceuta und die Schwesterstadt Melilla sind die einzigen Landgrenzen der EU mit Afrika; immer wieder kommt es dort zu Migrationsbewegungen.
Italien setzt Schengen-Abkommen aus
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni kündigte an, ihre Regierung sei bereit, „außergewöhnliche Maßnahmen“ zu ergreifen. Am Abend wurde bekannt, dass Rom das Grenzabkommen mit Spanien im Schengen-System aussetzt. Nach Angaben des italienischen Innenministeriums habe man sich zudem mit Paris auf eine Intensivierung der Kontrollen an der französisch-italienischen Landgrenze verständigt. Italien hat keine direkte Landgrenze zu Spanien, jedoch könnten Reisende mit dem Flugzeug oder Schiff von den verschärften Kontrollen betroffen sein.
Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen unterstützte Meloni und forderte die EU auf, einen Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum zu prüfen. „Es versteht sich von selbst, dass die EU umgehend alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen und alle Optionen prüfen muss, einschließlich einer Aussetzung der Schengen-Zusammenarbeit“, sagte sie der Nachrichtenagentur AFP. Sie ergänzte: „Unkontrollierte Einwanderung stellt eine Bedrohung für Europa und für Dänemark dar.“ Frederiksen gilt als Verfechterin eines strikten Kurses in der Migrationspolitik.
Spanien bestellt italienischen Botschafter ein
Madrid reagierte empört. Die spanische Regierung bestellte den italienischen Botschafter ein. Außenminister José Luis Álvarez warf Rom vor, die Migrationsfrage für innenpolitische Zwecke zu instrumentalisieren. Die Aussagen seien „unangemessen“ für ein befreundetes Partnerland. Europa brauche in dieser Lage Solidarität statt gegenseitiger Vorwürfe, so Madrid. Parteipolitische Demagogie helfe nicht weiter.
67 Tote – Suche läuft weiter
Die konkrete Lage in Ceuta bleibt angespannt. Nach offiziellen Angaben kamen mindestens 67 Migranten bei dem Versuch ums Leben, die Exklave zu erreichen. Innenminister Fernando Grande-Marlaska sprach am Samstag in Ceuta von „traurigen, dramatischen Ereignissen“. Er fügte hinzu, dass in der Exklave nach weniger als 48 Stunden eine „Rückkehr zur Normalität im Gange“ sei. Die Einsatzkräfte suchten auch am Vormittag weiter das Meer ab.
Nach Angaben der spanischen Regierung sind die meisten Migranten inzwischen nach Marokko zurückgekehrt. Die Menschen hätten angesichts kaum vorhandener Aussichten auf Weiterreise sowie fehlender Unterkunft und Versorgung enttäuscht die freiwillige Rückreise angetreten, berichtete die Zeitung „El País“.
EU-Kommissar: Keine Grenzübertritte zum Festland
EU-Migrationskommissar Magnus Brunner versicherte nach einem Telefonat mit Spaniens Außenminister José Manuel Albares: „Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten.“ Albares zufolge kehrten nahezu alle der mindestens 50.000 Menschen, die nach Ceuta gelangt waren, nach Marokko zurück. Ceutas Regionalpräsident Juan Jesús Vivas hatte zuvor von einem „totalen humanitären und sozialen Notstand“ gesprochen.
Die spanische Regierung reagierte mit zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen. Die Armee unterstützt die Grenzpolizei Guardia Civil, außerdem wird die Zahl der Einsatzkräfte in Ceuta nahezu verdoppelt. Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärte, seine Regierung habe „alle notwendigen Mittel mobilisiert“, um auf die Situation zu reagieren. Innenminister Grande-Marlaska verwies auf die enge Zusammenarbeit mit Marokko. Beide Länder wollten möglichst schnell Maßnahmen ergreifen, um irregulär eingereiste Migranten nach Marokko zurückzuführen.
Deutschland verlängert Grenzkontrollen
Die Vorgänge in Ceuta haben auch Auswirkungen auf Deutschland. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte an, die Kontrollen an den deutschen Außengrenzen auf unbestimmte Zeit fortzusetzen. „Wir werden die Möglichkeit der Binnengrenzkontrollen über den September hinaus verlängern“, sagte er. Um die bisherigen Erfolge beim Zurückdrängen der illegalen Migration zu erhalten, müssten „flexible und angepasste Binnengrenzkontrollen“ aufrechterhalten werden.
Seit dem 16. September 2024 wird wieder an allen deutschen Außengrenzen kontrolliert, obwohl die Grenzen innerhalb der EU eigentlich offen sein sollen. Die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte dies angeordnet, um unerlaubte Einreisen einzudämmen. Trotz wachsender Kritik wurde die Regelung bereits dreimal verlängert – zuletzt bis Mitte September 2026.



