Fast acht Jahre nach dem Einsturz der Autobahnbrücke im norditalienischen Genua soll heute das Urteil im Mega-Prozess verkündet werden. Endgültig geklärt werden soll die Frage, ob die Betreiber der Morandi-Brücke die Katastrophe mit 43 Todesopfern hätten verhindern können. Am 14. August 2018 um 11.36 Uhr war die Fahrbahn der vielbefahrenen, riesigen Brücke weggebrochen, Dutzende Fahrzeuge stürzten in die Tiefe. Die Bilder des aufgerissenen Stahlbetons gingen um die Welt.
Vier Jahre Prozess, 382 Anhörungen
Vier Jahre nach Prozessbeginn und nach 382 Anhörungen in einem im Hof des Gerichts von Genua errichteten Zelt sollen die Richter ihr Urteil verkünden. Die Staatsanwaltschaft hat für die 57 Angeklagten insgesamt 400 Jahre Gefängnis gefordert wegen fahrlässiger Tötung, Gefährdung der Verkehrssicherheit und Urkundenfälschung.
„Wir hoffen, dass sie verurteilt werden, aber das Wichtige für die Opfer ist eindeutig, dass die Wahrheit endgültig ans Licht kommt“, sagte Egle Possetti, Vorsitzende des Angehörigen-Komitees, die ihre Schwester, einen Neffen, eine Nichte und ihren Schwager bei der Katastrophe verlor. „Leider werden sie dadurch nicht wieder nach Hause kommen“, bedauerte sie.
Minimale Instandhaltung über Jahrzehnte
Der Befund der mit den Ermittlungen betrauten Richter ist erdrückend. „Zwischen der Einweihung (der Brücke) 1967 und dem Einsturz 51 Jahre später sind nicht einmal minimale Instandhaltungsmaßnahmen ergriffen worden, um die Stahleinlagen des Brückenpfeilers Nummer neun zu verstärken“, der am Unglückstag nachgegeben hatte, betonten sie. Die Sprödigkeit des Betonstahls war bekannt und an den identischen Pfeilern zehn und elf waren Arbeiten vorgenommen worden. Für Pfeiler Nummer neun waren Arbeiten vorgesehen. „Die Morandi-Brücke war eine Zeitbombe. Sie konnten es ticken hören, aber sie wussten nicht, wann sie explodieren würde“, sagte Walter Cotugno, einer der Ankläger.
Bei den Angeklagten handelt es sich überwiegend um Führungskräfte des Autobahnbetreibers Autostrade per l'Italia (Aspi) und dessen Tochterunternehmen Spea sowie Beamte des Infrastrukturministeriums. Nur zwölf von ihnen willigten ein, auf Fragen der Richter zu antworten. 21 machten spontane Aussagen.
Feilschen um die wirkliche Ursache
Das Unglück warf auch ein Schlaglicht auf den maroden Zustand von Italiens Verkehrsinfrastruktur und die fragwürdige Rolle von Aspi. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, die Instandhaltung des Bauwerks zur Kostenersparnis vernachlässigt zu haben. Dem damaligen Generaldirektor von Aspi, Giovanni Castellucci, wird vorgeworfen, die Arbeiten am Pfeiler Nummer neun verschoben zu haben. Ihm drohen 18 Jahre Haft. Für einen seiner Anwälte, Giovanni Paolo Accinni, wird Castellucci zum „Sündenbock“ gemacht. Dieser habe darauf beharrt, dass Arbeiten zur Verstärkung des Brückenpfeilers vorgenommen würden, sagte der Anwalt der italienischen Presse. Die Verteidigung vertritt die These, dass ein versteckter Baufehler – die Korrosion des Betonstahls – zum Einsturz geführt habe, und nicht mangelnde Wartung.
Castellucci sitzt bereits im Gefängnis. Er wurde wegen eines Verkehrsunglücks verurteilt, bei dem 2013 ein Bus ein Brückengeländer in Süditalien durchbrochen hatte und in die Tiefe gestürzt war. Damals starben 40 Menschen.
Geld bringt Menschen nicht zurück
Der Autobahnbetreiber Aspi und das für die Instandhaltung zuständige Unternehmen Spea stehen nicht vor Gericht. Sie hatten einen außergerichtlichen Vergleich mit der Staatsanwaltschaft erzielt, der die Zahlung von 29 Millionen Euro an den Staat vorsieht. Aspi wie Spea gehörten zum Zeitpunkt der Katastrophe der Unternehmensgruppe Atlantia, die von der Unternehmerfamilie Benetton kontrolliert wurde. Diese gab ihre Anteile im Mai 2022 auf Druck von Politik und Öffentlichkeit an den Staat ab.
Nur zwei Familien weigerten sich, die von Autostrade angebotenen Entschädigungen anzunehmen, für die das Unternehmen mehr als 60 Millionen Euro ausgezahlt hat. Egle Possetti schlug das Angebot aus, um als Nebenklägerin auftreten und Einfluss auf den Prozess nehmen zu können. Nur wenige Kilometer vom Gericht entfernt, über einem Mahnmal für die Opfer der Katastrophe, steht seit 2020 eine neue Autobahn. Sie wurde nach Plänen des aus Genua stammenden Star-Architekten Renzo Piano erbaut.



