Kapitän: Hormus-Blockade ist Akt des Krieges gegen uns
Kapitän: Hormus-Blockade ist Akt des Krieges

Seit Beginn des Iran-Kriegs im Februar sind mehr als 1100 Handelsschiffe im Persischen Golf eingeschlossen. Die Straße von Hormus ist wegen der anhaltenden Militärangriffe nicht passierbar. Kapitän und Sicherheitsexperte Moritz Brake, Geschäftsführer der Beratungsfirma Nexmaris, warnt: Die Besatzungen arbeiten unter Lebensgefahr. Die Lage ändere sich seit Monaten kaum, sagte Brake im Gespräch. Militärische Angriffe und diplomatische Vorstöße wechselten sich zwar ab, doch die Blockade bestehe fort.

Extreme Bedingungen für die Crews

Bei Temperaturen von 40 bis 50 Grad Celsius, kaum Wind und kaum Wellen wird der Aufenthalt im Persischen Golf für die Besatzungen schnell zur Qual. Nach Angaben von Moritz Brake hängt das Wohl der Seeleute stark vom technischen Zustand der Schiffe ab. „Selbst unter günstigsten Bedingungen kann das sehr anspruchsvoll werden“, sagte der Kapitän. Die hohen Temperaturen könnten die Klimaanlagen an ihre Grenzen bringen – auf Handels- ebenso wie auf Kriegsschiffen.

Der Experte erläutert den Unterschied: „Bei Frachtschiffen sind die Kühlsysteme oft in erster Linie für die Ladung gedacht. Bei Kriegsschiffen steht die Rechenkapazität der Computer und technischen Systeme im Vordergrund, nicht unbedingt die Kühlung für die Besatzung.“

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Menschenleben vor Sachwerten

Für einen Kapitän hat die Sicherheit der Besatzung oberste Priorität. „Das Menschenleben wiegt höher als der Sachwert des Schiffes oder der Ladung“, machte Brake deutlich. Diese Prioritätensetzung zeige den Kern des Dilemmas im Persischen Golf: Die Besatzungen seien damit beauftragt, die Schiffe zu hüten, einsatzfähig zu halten und die Sachwerte zu schützen – „und das machen sie auch unter Lebensgefahr“.

Eine Flotte aus aller Welt

Bei den festsitzenden Schiffen handelt es sich um Containerfrachter, Öltanker und Stückgutfrachter unterschiedlichster Größen. Insgesamt sind es mehr als 1100 Handelsschiffe aus allen Ländern der Welt. Von den ursprünglich 50 deutschen Schiffen liegen noch rund 20 im Persischen Golf, häufig mit deutschen Kapitänen an Bord. Die Mannschaften stammen oft von den Philippinen oder aus Kiribati und Fidschi.

Der Wert einzelner Schiffe ist immens. Ein großes, modernes Containerschiff könne den Wert einer kleinen Volkswirtschaft mit einem Jahresbruttoinlandsprodukt von vielleicht einer Milliarde Euro erreichen, erklärt Brake. Ein großer Tanker kann demnach 300.000 Tonnen Rohöl laden. Daraus ließen sich möglicherweise 200 Millionen Liter Diesel und Benzin herstellen – „das entspricht dem Tagesbedarf der gesamten Bundesrepublik Deutschland“.

Evakuierungsplan der IMO

Die Versorgung der Schiffe läuft über Häfen der Golfstaaten. Eine Evakuierung der Besatzungen wäre möglich, doch die Schiffe blieben besatzungslos zurück. Sie wären dann gefährdet durch Wetterphänomene, mögliche Schäden oder die Gefahr, dass andere das verlassene Schiff in Beschlag nehmen. Das See- und Bergerecht erlaube das, so Brake.

Die International Maritime Organization (IMO) der Vereinten Nationen hatte Ende Juni einen Evakuierungsplan veröffentlicht. Brake hob hervor: „Das Interessante an dem Plan ist, dass es sich um einen Evakuierungsplan vor allem für Schiffe handelt, also für Sachwerte.“ Für die Menschen hätte es einfachere Wege gegeben – etwa mit Booten oder Hubschraubern an Land.

Der Plan war allerdings nur vom 23. bis 25. Juni aktiv. Die IMO zählte in diesem Zeitraum 57 erfolgreiche Schiffspassagen und rund 1100 evakuierte Seeleute. Danach eskalierte die Gefahrenlage erneut, weil die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran „fundamental unvereinbar“ schienen.

Flucht unter dem Schutz der US-Marine

Warum konnten nicht mehr Schiffe die Straße von Hormus passieren? Es habe nur kurze Zeitfenster gegeben, in denen die US-Marine Konvois sicherte, erläutert Brake. Diese Zeit reichte nur für wenige Schiffe. Selbst unter US-Schutz sei die Passage riskant: „Der Iran hat die Fähigkeit, an dem Schutzschirm eines amerikanischen Zerstörers vorbei Treffer zu landen“, warnte der Kapitän. Dazu kommen Seeminen. Einige Reeder hätten mit dem iranischen Regime Deals ausgehandelt, Schutzgeld gezahlt und die nördliche Route dicht am Iran gewählt – und seien trotzdem angegriffen oder festgesetzt worden.

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Trotz allem gelang einigen Schiffen der Ausbruch. Die Hamburger Großreederei Hapag-Lloyd teilte mit, keine Schiffe mehr im Persischen Golf zu haben. Die US-Marine hatte zeitweilig ein System installiert, über das schätzungsweise bis zu 30 Schiffe pro Tag ausfahren konnten – immer auf eigenes Risiko. Das deutsche Marinekommando habe den Reedern geraten: „Wenn ihr das machen wollt, koordiniert euch mit der US-Marine, aber empfehlen können wir das nicht.“

„Ein Akt des Krieges – auch gegen uns“

Moritz Brake sieht die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran als direkte Bedrohung auch für Deutschland. „Die Blockade ist ein Akt des Krieges, der sich auch gegen uns richtet“, sagte er. „Wir sind längst im Feuer.“ Deutschland und die meisten Golfstaaten hätten sich bisher gegen eine militärische Reaktion entschieden. Das müsse aber nicht für immer so bleiben.

Deutschland sollte den Golfstaaten helfen, ihre Luftverteidigung zu stärken. Die Kombination aus Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen stelle eine „Riesenherausforderung“ für alle modernen Flugabwehrsysteme dar, betonte Brake. Auch Deutschland wäre nicht in der Lage, sich allein gegen solche Angriffe zu verteidigen. „So wie wir die Ukraine gegen Russland unterstützen, müssen wir auch die Golfstaaten gegen den Iran unterstützen.“ Deutsche Technologien, etwa zur Minenabwehr, könnten dabei einen Beitrag leisten.

Der Nutzen für Deutschland liegt für Brake auf der Hand: „Alles, was wir am Persischen Golf aufbauen und lernen – sozusagen live lernen –, hilft uns, zu wissen, wie wir Mittel für das Militär besser investieren können.“ Vor allem schaffe man Freunde, die man in der Not brauchen werde. „Denn die Not kommt uns immer näher – das sehen wir an der Straße von Hormus, das sehen wir in der Ukraine, das sehen wir an der Entwicklung in der Welt.“