Am 13. März 1881 liegt Zar Alexander II. blutend im Schnee von St. Petersburg. Eine Bombe hat seine Kutsche zerrissen, der zweite Sprengkörper trifft ihn tödlich. Die revolutionäre Untergrundorganisation „Narodnaja Wolja“ („Volkswille“) zeigt mit diesem Attentat, dass eine kleine Gruppe mit tragbaren Bomben die Weltpolitik erschüttern kann.
Der Kaiser entkommt knapp
Zweieinhalb Jahre später, am 28. September 1883, soll es den deutschen Kaiser treffen. Wilhelm I. fährt zur Einweihung des Niederwalddenkmals oberhalb von Rüdesheim. Anarchisten um August Reinsdorf haben einen Sprengsatz unter der Straße deponiert. Doch es regnet, die Zündschnur ist durchnässt. Der Kaiser fährt vorbei, die Ladung bleibt stumm. Der Sprengstoff versagt.
Das ist die andere Karriere des Dynamits. Erfunden wird es nicht für Attentäter, damals Dynamitarden genannt, sondern für Ingenieure: für den Tunnelbau, das Sprengen von Felsen und den Abbau in Bergwerken. Doch eine Explosion fragt nicht nach ihrem Zweck. Was Granit spaltet, kann Menschen zerreißen. Manchmal trifft die Gewalt des Stoffes sogar jene, die ihn beherrschen wollen.
Alfred Nobel: Dichter und Chemiker
Alfred Nobel wird 1833 in Stockholm geboren, als Sohn eines Ingenieurs, der später auch für das Militär arbeitet. Seeminen, Maschinen, Sprengtechnik: Nobel wächst in einer Welt auf, in der Fortschritt, Geschäft und Krieg ineinandergreifen. Zugleich spricht er mehrere Sprachen, liebt Literatur, schreibt Gedichte und Dramen. Er vereint die Seele eines Dichters mit dem Geist eines Chemikers, dessen Erfindung die Welt zugleich aufbauen und erschüttern soll.
Bei einem Auslandsaufenthalt als Jugendlicher in Paris 1850 begegnet Nobel dem Stoff, der sein Leben bestimmen wird. Erfunden hat er ihn nicht. Der italienische Chemiker Ascanio Sobrero hat Nitroglycerin schon 1847 hergestellt und davor gewarnt. Die ölige Flüssigkeit ist stärker als Schwarzpulver, aber unberechenbar. Ein Stoß, eine Erschütterung kann genügen. Sobrero sieht darin einen Fluch, Nobel eine Aufgabe. Er muss nur einen Weg finden, damit der Knall gehorcht.
Die Katastrophe von Stockholm
Doch zunächst gehorcht gar nichts. Nobel experimentiert ab 1859 mit Nitroglycerin, kann die Explosion zwar immer besser auslösen, aber den Sprengstoff noch nicht sicher lagern, transportieren oder verkaufen. 1864 fliegt in Stockholm eine Versuchsanlage der Familie Nobel in die Luft, 125 Kilogramm Nitroglycerin detonieren. Mehrere Menschen sterben, darunter Emil Nobel, Alfreds jüngerer Bruder. Alfred steht nicht direkt am Epizentrum, aber die Druckwelle erreicht sein Leben trotzdem.
Eigentlich hätte dieser Tag das Ende sein müssen. Doch Nobel macht weiter – nicht, weil er den Tod sucht, sondern weil er glaubt, ihn technisch besiegen zu können. Nach dem Verbot weiterer Versuche im Stadtgebiet weicht Nobel aus: auf einen Lastkahn, später in Fabriken abseits der Städte. 1865 baut er bei Krümmel an der Elbe eine Nitroglycerin-Fabrik. Auch sie fliegt teilweise in die Luft. Trotzdem sucht er weiter nach einem Träger, der die Flüssigkeit bindet, ohne ihr die Kraft zu nehmen.
Die Lösung: Kieselgur
Die Lösung liegt im Boden: Kieselgur, eine poröse Erde aus fossilen Kieselalgen. Ob Zufall oder systematischer Versuch – die Erde saugt das Nitroglycerin auf wie ein Schwamm. Aus der unberechenbaren Flüssigkeit wird eine Masse, die sich zu Stangen formen, transportieren und in Bohrlöcher stecken lässt. Sobrero hat den Dämon entdeckt. Nobel zähmt ihn.
1867 lässt Nobel die Erfindung patentieren. Er nennt sie Dynamit, nach dem griechischen Wort „dynamis“: Kraft. Dynamit ist handhabbarer als reines Nitroglycerin. Nobel erfindet nicht die Explosion, sondern ihre Disziplinierung. Der Tunnelbau schreitet nun schneller voran, Bahntrassen werden durch Felsen gesprengt, Bergwerke effizienter betrieben. Er baut Fabriken, verkauft Lizenzen, hält Hunderte Patente. Dynamit wird Handelsgut, Industriefaktor und Machtmittel.
Die dunkle Karriere des Dynamits
Nobel forscht weiter und entwickelt stärkere Mischungen, darunter die Sprenggelatine, die wasserfester und wirkungsvoller ist als klassisches Dynamit. Die Chemie des Knalls avanciert zum technologischen Wettrüsten. Im 20. Jahrhundert rückt TNT (Trinitrotoluol) nach vorn. Es ist kein verbessertes Dynamit, sondern ein anderer Sprengstoff: weniger empfindlich, besser lagerfähig, für Granaten geeigneter. Später verdrängen im Bergbau und Bauwesen billigere und sicherere Mischungen das klassische Dynamit weitgehend. Der Name aber bleibt, als Symbol für gebändigte Kraft, die sich jederzeit wieder losreißen kann.
1945 zerstören Atombomben Hiroshima und Nagasaki, womit der Zweite Weltkrieg endet. Das ist keine Chemie mehr, sondern eine andere Physik und moralische Dimension. Doch die alte Frage bleibt: Was geschieht, wenn Menschen eine Kraft auslösen, deren Folgen sie politisch und moralisch kaum noch abzusehen vermögen?
Nobels Vermächtnis: Der Preis für den Frieden
Nobel selbst bleibt schwerer zu greifen als die gelblichen Stangen. Victor Hugo nennt ihn einmal „Europas reichsten Vagabunden“, einen Mann mit Fabriken in aller Welt, aber ohne feste Heimat. Nobel heiratet nie, hat keine Kinder. Sein Zuhause, sagt er sinngemäß, sei dort, wo er arbeite. Und er arbeitet überall. Als größte Fehler notiert er bitter: keine Familie, kein heiteres Gemüt, kein guter Magen.
Auch sein Sprengstoff entzieht sich der Kontrolle. Der Zar von Russland, der deutsche Kaiser, Exilzeitungen, Gerichtsprozesse: Dynamit wird zum Geräusch einer nervösen Epoche. Attentate gibt es lange vor Nobel. Aber Dynamit macht Gewalt tragbarer, versteckbarer, spektakulärer. Heute spielt klassisches Dynamit kaum noch die Rolle von einst; als Symbol bleibt es mächtig.
Für Nobel ist die dunkle Karriere seiner Erfindung keine Randnotiz. Sein Vermögen wächst aus Sprengstoff und Rüstungsgeschäften. Zugleich hasst er den Krieg, zumindest laut eigener Aussagen. Er ist kein pazifistischer Heiliger, aber auch kein zynischer Todeshändler. Nobel ist eher ein typischer Mann des 19. Jahrhunderts: technikgläubig, blind für manche Folgen, empfindlich für die moralische Rechnung. Er ist beides: Kaufmann des Todes und Stifter des Friedens.
1888 bekommt Nobel einen Vorgeschmack auf sein Nachleben. Gestorben ist sein Bruder Ludvig, doch französische Zeitungen verwechseln die Brüder. Ein Blatt meldet sinngemäß: Der Kaufmann des Todes ist tot. Ob diese Abrechnung ihn zur Stiftung der nach ihm benannten Preise treibt, ist nicht sicher. Fakt ist: Am 27. November 1895 setzt Nobel in Paris sein Testament auf. Aus dem Großteil seines Vermögens sollen künftig jene ausgezeichnet werden, die der Menschheit nützen – auch für den Frieden.
Ein Kreis schließt sich
Im Herbst 1896 schließt sich der Kreis auf fast unverschämte Weise. Nobels Herz macht nicht mehr mit. Die Ärzte verschreiben Nitroglycerin – jenen Stoff, der seinen Bruder getötet, seine Fabriken berühmt und seinen Namen berüchtigt gemacht hat. Doch diesmal wirkt der Stoff nicht als Sprengstoff, sondern als Medizin namens „Trinitrin“. Was er ein Leben lang zu beherrschen versuchte, liegt ihm nun als Medikament auf der Zunge. Sechs Wochen später stirbt er.
So steht Alfred Nobel zwischen zwei Explosionen: der physischen, die er berechenbarer machen wollte, und der moralischen, die er nicht mehr kontrollieren konnte. Dynamit bringt Ruhm und Reichtum, die Dynamitarden den Schatten, TNT die nächste Stufe der Handhabbarkeit, die Atombombe unfassbaren Schrecken – und der Nobelpreis erhält die zweite Bedeutung. Der Erfinder des Dynamits versucht am Ende, seinem Namen einen Ausgang aus dem Rauch zu sprengen.



