Die Vereinigten Staaten feiern am 4. Juli 2026 ihren 250. Unabhängigkeitstag. Während viele Bürger angesichts politischer Polarisierung und gesellschaftlicher Spannungen eher verhalten gestimmt sind, zeigt sich eine überraschende Gruppe optimistisch: die direkten Nachfahren der Gründerväter. Der SPIEGEL hat mehrere von ihnen befragt, darunter Ur-Ur-Enkel von Thomas Jefferson und George Washington.
Jefferson-Nachfahre: „Er wäre stolz“
„Thomas Jefferson wäre erstaunt, wie weit es die USA gebracht haben“, sagte ein Nachfahre des dritten US-Präsidenten. Er betonte, dass Jefferson die Entwicklung der Nation von 13 Kolonien zur globalen Supermacht mit gemischten Gefühlen betrachten würde – aber überwiegend positiv. Die Redefreiheit, das Wirtschaftswachstum und die technologischen Errungenschaften seien Belege für den Erfolg des amerikanischen Experiments.
Washington-Nachfahre mahnt zur Einheit
Ein Urgroßneffe George Washingtons äußerte sich besorgt über die aktuelle Spaltung des Landes. „Washington würde uns zur Einheit mahnen“, sagte er. Der erste Präsident habe stets die Gefahr von Parteienstreit und regionalen Egoismen gesehen. Dennoch sei er überzeugt, dass die USA aus jeder Krise gestärkt hervorgehen würden – so wie in den vergangenen 250 Jahren.
Insgesamt zeigten sich die befragten Nachfahren überwiegend optimistisch. Sie verwiesen auf die Widerstandsfähigkeit der amerikanischen Demokratie und die Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Die Sklaverei, die Bürgerrechte und die Gleichstellung der Frauen seien Beispiele für Fortschritt, auch wenn der Weg steinig gewesen sei.
Kritik an aktuellen Missständen
Ein Nachfahre von Benjamin Franklin kritisierte die wachsende soziale Ungleichheit und den Einfluss von Geld in der Politik. „Franklin würde sich im Grab umdrehen, wenn er sähe, wie Lobbyisten die Politik bestimmen“, sagte er. Dennoch glaube er an die Kraft der amerikanischen Ideale: „Die Verfassung ist kein Relikt, sondern ein lebendiges Dokument.“
Die SPIEGEL-Reporter Britta Kollenbroich und Marc Pitzke trafen die Nachfahren in Washington und New York. Die Gespräche fanden im Vorfeld der großen Feierlichkeiten statt, die am 4. Juli 2026 landesweit begangen werden. Trotz der Jubelstimmung bleibt die Stimmung in der Bevölkerung angespannt: Umfragen zufolge sehen nur 42 Prozent der Amerikaner die Zukunft ihres Landes optimistisch.
Historische Parallelen
Die Gründerväter selbst waren keine homogene Gruppe. Sie stritten heftig über die Ausgestaltung der neuen Republik. Der Kompromiss von 1787, der die Sklaverei vorerst tolerierte, war ein schwieriger Deal. Heute, 250 Jahre später, sind die USA mit ähnlich grundlegenden Fragen konfrontiert: Rassismus, wirtschaftliche Ungleichheit und die Rolle der Bundesregierung.
Die Nachfahren sehen darin eine Bestätigung des Gründungsgeistes: „Die Debatte ist der Beweis, dass die Demokratie lebt“, sagte ein Ur-Ur-Enkel von John Adams. Er verwies auf die jüngsten Proteste für soziale Gerechtigkeit und die hohe Wahlbeteiligung bei den letzten Präsidentschaftswahlen.
Zum Abschluss der Gespräche betonten alle Befragten, dass die USA weiterhin ein „Leuchtturm der Freiheit“ seien – auch wenn der Glanz manchmal trübe. Der 250. Geburtstag sei ein Moment, um stolz auf das Erreichte zu sein, aber auch um die verbleibenden Herausforderungen anzunehmen.



