Atemwegsinfekte treiben Herzinfarkt-Sterblichkeit im Winter nach oben
Atemwegsinfekte treiben Herzinfarkt-Sterblichkeit

Infektionswellen verschieben Sterblichkeit

In jedem Winter füllen sich die Wartezimmer mit Patienten, die unter Husten, Schnupfen und Fieber leiden. Zeitgleich schnellt, meist unbemerkt, eine zweite Kurve nach oben: die der Menschen, die an Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzschwäche sterben. Ist das ein Zufall? Warum sterben die Menschen – wegen der Infekte oder vielleicht wegen anderer Faktoren im Winter, zum Beispiel der Kälte?

Um diese Frage zu beantworten, haben zwei Forscher die verfügbaren Daten aus 14 Jahren in Deutschland analysiert. Dabei kam ihnen die Coronaepidemie als natürliches Experiment zugute. Denn vor der Pandemie erreichte die Welle der Atemwegsinfektionen in Deutschland zuverlässig im Februar und März ihren Höhepunkt.

Keine Infekte wegen Kontaktsperren

Das neuartige Virus und die Maßnahmen unterbrachen dieses regelmäßige Muster: Einerseits starben plötzlich Menschen an Sars-CoV-2, andererseits bremsten Kontaktsperren und Masken viele der sonst grassierenden Atemwegsinfekte aus. Nach dem fast vollständigen Ausfall von Grippe und RSV im Winter 2020/21 kehrten die Erreger in den beiden folgenden Wintern acht bis zwölf Wochen früher zurück als üblich, da es nun viel weniger Menschen mit frischem Immunschutz gab. Erst 2023/24 und 2024/25 fand die Welle in ihr altes Zeitfenster zurück.

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Michael Sieber und Arne Traulsen vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön haben nun untersucht, welche Auswirkungen das auf die Sterblichkeit hatte. Dafür werteten die beiden die wöchentlichen Meldungen von Atemwegsinfekten, die Zahlen der Arztbesuche und Krankenhauseinweisungen, Grippe-, RSV- und COVID-Meldungen des Robert Koch-Instituts sowie die Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamts aus.

Sterbegipfel schon im Dezember

In den Zahlen fanden sie ein auffälliges Muster: Die Gesamtsterblichkeit in Deutschland verschob sich im gleichen Takt wie die Infektionswellen. Während der jährliche Sterbegipfel jahrzehntelang im Februar oder März gelegen hatte, rutschte er nach der Lockerung der Maßnahmen in den Dezember und frühen Januar – zwei bis drei Monate nach vorn. Verantwortlich dafür sind vor allem die Herz-Kreislauf-Toten, die häufigste Todesursache im Land. Über drei Winter hinweg starben dadurch Zehntausende Menschen zwei bis drei Monate früher im Jahr als sonst.

Das Ergebnis, veröffentlicht in „PLOS Global Public Health“, deckt sich mit Daten aus anderen Ländern und stützt einmal mehr die These, dass Menschen als Folge von Atemwegsinfekten sterben könnten, auch wenn der Zusammenhang beim einzelnen Patienten nicht offensichtlich sein muss.

Ärztliche Bestätigung

Für Ärzte kommt der Befund nicht überraschend: „Atemwegsinfektionen sind bekannte Auslöser für Herzinfarkte, Herzinsuffizienz und Schlaganfälle“, sagt Dirk Westermann, Leiter des Universitäts-Herzzentrums Freiburg. Erklären lasse sich der Zusammenhang unter anderem durch den Entzündungsprozess im Körper. „Dieser Prozess treibt nämlich auch die Atherosklerose und damit die Ursache der Herzerkrankungen voran.“

Von praktischer Bedeutung ist die Erkenntnis für alle, die im Herbst eine Impfung gegen Influenza oder Covid-19 erwägen. „Eine höhere Impfquote würde schwere Infektionen, Krankenhausaufnahmen und auch deren Herz-Kreislauf-Komplikationen reduzieren“, sagt Westermann. Gerade bei älteren Menschen und Herzpatienten sei das ein wichtiger präventiver Effekt, den leider immer noch nicht alle für ihre Sicherheit beanspruchen.

Impfung senkt Sterberisiko

Dass Impfungen vor Folgeschäden im Herzkreislaufsystem schützen, hat unter anderem auch die Studie eines Teams um den schwedischen Kardiologen Ole Fröbert gezeigt. In der placebokontrollierten Untersuchung an 2532 Infarktpatienten aus acht Ländern erhielt die eine Hälfte binnen 72 Stunden nach der Katheteruntersuchung eine handelsübliche Grippeimpfung, die andere eine Kochsalzspritze. Nach zwölf Monaten waren in der Impfgruppe 2,9 Prozent verstorben, in der Placebogruppe 4,9 Prozent – ein Rückgang um rund 40 Prozent. Die Wirkung setzte schon in den ersten Wochen ein, was darauf hindeutet, dass die Impfung auch entzündliche Prozesse an den geschädigten Herzgefäßen dämpft.

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