Urbanliner startet mit Verspätung
Die neue XXL-Straßenbahn Urbanliner der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ist seit Mittwoch regulär auf der Linie M4 unterwegs. Am Betriebshof Weißensee schickten BVG-Chef Henrik Falk, Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) den ersten Zug um 9.37 Uhr auf die Strecke. Am Steuer saß Straßenbahnfahrerin Maria. Bereits eine Woche zuvor waren einige Züge testweise ohne Ankündigung gefahren.
Alstom-Manager Christoph Klaes bezeichnete den Urbanliner als „weltweit modernstes Fahrzeug“, das nun in Berlin verkehrt. Die Züge werden auf der Linie M4 zwischen Hackescher Markt und Zingster Straße/Falkenberg eingesetzt. Aufgrund von Bauarbeiten fährt die M4 in dieser Woche jedoch nur bis zur Sulzfelder Straße.
Fünfeinhalb Jahre Wartezeit
Bestellt wurde der Urbanliner im Dezember 2020, also vor fünfeinhalb Jahren. Ursprünglich sollten die Züge bereits 2022 durch Berlin rollen. Doch immer neue Verzögerungen führten dazu, dass der Einsatz erst 2026 beginnt. Die letzte Verspätung von einem halben Jahr geht allein auf die BVG zurück. Diese hatte die Öffentlichkeit zur Premierenfahrt am 16. Februar eingeladen, ohne die erforderliche Zulassung der Technischen Aufsichtsbehörde (TAB). Die Unterlagen wurden erst am Freitag, den 13. Februar, eingereicht. Die TAB legte ein Veto ein, die Premiere wurde abgesagt, und der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) wurde wieder ausgeladen.
Erst Ende Juni erhielt die BVG die Genehmigung für den superlangen Zug. BVG-Chef Falk sagte am Mittwoch: „Uns allen ist ein Stein vom Herzen gefallen.“ Wegner war am Mittwoch nicht anwesend.
Technische Daten des Urbanliners
Der Urbanliner ist mit 50,89 Metern Länge eine der längsten Straßenbahnen Europas. Nur ein Škoda-Zug in Mannheim ist mit 59,4 Metern länger. Die bisher auf der M4 eingesetzten GT6-Doppeltraktionen waren mit 60 Metern zwar länger, aber durch Führerstände und Kupplungen ging Platz verloren. Der Urbanliner ist zehn Zentimeter breiter als die GT6 und misst 2,40 Meter in der Breite. Diese zusätzliche Breite sorgt für ein großzügiges Raumgefühl im Inneren.
Der Zug bietet Platz für 303 Fahrgäste: 88 Sitzplätze und 215 Stehplätze. Das sind neun Plätze weniger als ursprünglich von der BVG angekündigt. Ein BVG-Sprecher erklärte, dass die ursprüngliche Zahl von 312 nur für den Prototypen gegolten habe und die Differenz „für den Fahrgasteinsatz praktisch keinen Einfluss“ habe. In eine Doppeltraktion GT6 passen ebenfalls 300 Fahrgäste.
Keine Fahrkartenautomaten mehr
Auf Fahrkartenautomaten hat die BVG verzichtet; es gibt nur noch Entwerter. Laut BVG lohnen sich Automaten nicht mehr, da pro Tag in Straßenbahnen mit Automaten im Schnitt nur noch sieben Papier-Tickets verkauft werden. Stattdessen wurde die Zahl der Verkaufsstellen entlang der M4 auf zwölf Kioske erhöht, die durchschnittlich 350 Meter von den Haltestellen entfernt sind. An den Haltestellen weist die BVG darauf hin, dass nicht mehr jeder Zug auf der M4 Fahrscheine verkauft.
Auslieferung und Einsatzplanung
Die BVG hat bislang 65 Züge bestellt: 20 im Jahr 2020 und weitere 45 im Jahr 2024. Bis zum Jahresende sollen 15 Züge im Einsatz sein, bis Ende 2028 dann 30. Die restlichen 35 Züge werden voraussichtlich bis 2030 ausgeliefert. Ursprünglich war eine Option auf bis zu 117 Züge vereinbart, doch der Aufsichtsrat der BVG hat die Mittel für die restlichen noch nicht freigegeben.
Der Urbanliner hat nur einen Fahrerstand und darf vorerst nur in eine Richtung fahren. Eine BVG-interne Dienstanweisung besagt: „Bis auf Weiteres dürfen die Urbanliner im Fahrgasteinsatz nur mit Fahrerstand A voran eingesetzt werden.“ Karsten Grzelak, Leiter Schienenfahrzeugneubeschaffung Straßenbahn, erklärte, dass ein Softwareproblem im hinteren Fahrerstand die Ursache sei. Der Fehler sei von Alstom noch nicht identifiziert worden. Bei Testfahrten habe der Zug in einer einzigen Situation „ein seltsames Verhalten“ gezeigt, das jedoch keinen Einfluss auf die Sicherheit habe.
Ein Teil der Verzögerungen in den letzten Jahren war auf Softwarefehler zurückzuführen. Dass der Zug nur in eine Richtung fahren kann, ist auf der Linie M4 unproblematisch, da es an den Enden Wendeschleifen gibt. Auf der Linie M10 kann der Zug nicht eingesetzt werden, da die Gleise an der Turmstraße und Warschauer Straße an Prellböcken enden.
Bedarfszahlen und Gewicht
Für die M4 werden werktags in der Hauptverkehrszeit 27 Umläufe (Kurse) benötigt. Selbst wenn Ende dieses Jahres 15 Urbanliner im Einsatz sind, reicht das nur für die Hälfte. Erst Ende 2026, wenn 30 Züge verfügbar sind, kann die M4 ausschließlich mit Urbanlinern betrieben werden. Ab 2027 soll der Zug auch auf anderen Linien wie der M8 oder M10 eingesetzt werden, sobald das Softwareproblem behoben ist.
Der Urbanliner besteht aus neun beweglichen Teilen und ist innen durchgehend begehbar. Konstruiert wurde er vom französischen Hersteller Alstom, der vor wenigen Jahren Bombardier übernahm. Das Vorgängermodell Flexity hatte nur sieben Teile. Der Urbanliner wiegt 100 Tonnen. Die TAB hatte keine Einwände gegen das Gewicht, aber die BVG hatte zunächst eine Berechnung zur Standsicherheit aller Tunnel und Brücken nicht vorgelegt, was zum Veto im Februar führte. Am U-Bahnhof Alexanderplatz wurden in den vergangenen Wochen Stahlstützen zur Verstärkung eingebaut.
Fahrgastzahlen und Barrierefreiheit
Werktags sind laut BVG 100.000 Fahrgäste auf der M4 unterwegs – das ist der Spitzenwert in Berlin. Der Urbanliner ist barrierefrei: Es gibt spezielle niedrige Sitze (40 Zentimeter) für kleine und kleinwüchsige Menschen sowie Komfortsitze (51 Zentimeter) für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste. Große Mehrzweckabteile bieten Platz für Rollstühle und Kinderwagen. Eine zusätzliche Spaltüberbrückung erleichtert den barrierefreien Einstieg auch an Haltestellen mit linksseitigem Einstieg.



