Das Goodwood Festival of Speed hat sich endgültig von einer Motorsportveranstaltung zur zentralen europäischen Bühne für Sportwagen-Neuheiten entwickelt. Während klassische Automessen zwischen Mobilitätskonzepten und E-Bikes verblassen, geht es in Goodwood nur um eines: Fahrdynamik, Leistung und die spannendsten Performance-Modelle des Jahres. Vom 13. Juli 2026 an treffen sich auf dem englischen Landsitz in West Sussex, rund zehn Kilometer von der Kanalküste entfernt, Fans und Hersteller historischer Rennwagen, aktueller Formel-1-Boliden, Hypercars und seriennaher Prototypen.
Goodwood als Bühne für Produktpremieren und Fahrbetrieb
Anders als bei der Monterey Car Week in Kalifornien oder dem Concorso d'Eleganza Villa d'Este am Comer See werden neue Modelle in Goodwood nicht nur enthüllt, sondern auch gefahren. Sie schießen den Hill Climb hinauf oder rollen in Schleichfahrt durchs Publikum. „Für Maserati liegt der Reiz in genau dieser einzigartigen Mischung aus Sport und Hochleistung, bei der die Zuschauer unsere Fahrzeuge in ihrem natürlichen Element erleben, am Hillclimb und in Bewegung, statt statisch auf einer Messefläche“, sagt Dominic Lyncker, der das Marketing in Europa leitet. Obwohl der Anteil elektrischer Sportwagen stetig wächst, riecht die Luft noch immer nach Benzin und Abgasen.
Motorsport hat in Goodwood Tradition. Von 1948 bis 1966 fanden auf dem nahe gelegenen Goodwood Motor Circuit internationale Formel- und Sportwagenrennen statt, mit Fahrergrößen wie Stirling Moss oder Jim Clark. Nach der Schließung der Strecke belebte Charles Gordon-Lennox, der heutige Duke of Richmond, den Motorsport 1993 mit einem Hill Climb auf den Parkwegen seines Landsitzes wieder. Daraus entstand das Festival of Speed.
Alpine und Aston Martin mit Premieren
Wie konsequent die Hersteller Goodwood als Premierenbühne nutzen, zeigt das Programm 2026. Alpine schickt erstmals den Entwicklungsträger der nächsten A110 auf den Hill Climb. Der Prototyp gibt einen konkreten Ausblick auf die künftige Generation. Herzstück ist eine komplett neu entwickelte Sportwagen-Architektur mit 800-Volt-Technik, die trotz Elektroantrieb ein Fahrzeuggewicht von weniger als 1,5 Tonnen ermöglichen soll. Entscheidend ist für die Franzosen jedoch: Auch die elektrische A110 soll sich so leichtfüßig und präzise fahren wie ihr Vorgänger.
Aston Martin präsentiert mit DB12 S, Vantage S und DBX S erstmals seine komplett neue S-Familie, laut Aston Martin die bislang leistungsstärkste und fahrdynamischste Modellpalette in der Serienproduktion. Hinzu kommen Valhalla, Valkyrie, Vanquish sowie der Formel-1-Rennwagen AMR25, der ebenfalls den Hill Climb in Angriff nimmt. Für die Briten ist Goodwood fast ein Heimspiel, entsprechend groß der Auftritt.
Maserati, Hyundai und Pagani mit Neuheiten
Maserati zeigt den MC Pura, den Nachfolger des MC20. Technisch bleibt vieles beim Bewährten, optisch und im Innenraum wurde der Supersportwagen jedoch gezielt nachgeschärft. Hyundai verfolgt einen völlig anderen Ansatz: Die Koreaner wollen zeigen, dass auch eine elektrische Mittelklasselimousine zum Sportwagen taugt. Als N-Version kombiniert der Ioniq 6 bis zu 650 PS mit Allradantrieb, Driftmodus und virtuellen Gangwechseln für ambitionierte Rennstreckenfahrer.
Pagani gehört ebenfalls zu den Dauergästen. Zum 70. Geburtstag von Firmengründer Horacio Pagani hat die italienische Sportwagenschmiede drei Huayra-70-Modelle aufgelegt. Das zweite, der 350 km/h schnelle Huayra 70 Derecho mit 812 PS starkem V12, feiert in Goodwood seine Premiere.
Chinesische Hersteller drängen ins Sportwagensegment
Besonders spannend dürfte in diesem Jahr der Auftritt chinesischer Hersteller werden. Nachdem sie Europa zunächst mit Elektro-SUVs und Limousinen erobern wollten, drängen sie nun auch in das Sportwagensegment. BYD etwa nutzt Goodwood gezielt als Bühne für seine Premiummarke Denza. Im Mittelpunkt steht der bis zu rund 1.600 PS starke Denza Z, flankiert vom Gran Turismo Z9 GT und weiteren Modellen. Auf dem traditionsreichen englischen Landsitz suchen die Chinesen damit den direkten Vergleich mit den etablierten Sportwagenmarken.
McMurtry und Gordon Murray mit extremen Konzepten
Noch extremer geht McMurtry vor. Die britische Manufaktur zeigt mit dem Spéirling Pure einen in einer Kleinserie von 100 Stück gebauten Einsitzer, den Ventilatoren unter dem Fahrzeugboden förmlich auf den Asphalt saugen. Sie erzeugen bereits im Stand bis zu zwei Tonnen Abtrieb, mehr, als das Auto selbst wiegt. Die Idee erinnert an die legendären Fan-Cars der 1970er-Jahre. Kostenpunkt: rund 1,4 Millionen Euro.
Seit Jahren gehört auch Gordon Murray Automotive zu den Publikumsmagneten. Der Konstrukteur des legendären McLaren F1 gilt als einer der konsequentesten Verfechter des Leichtbaus und präsentiert mehrere extrem leichte V12-Sportwagen. Modelle wie der T.50 zeigen, dass klassische Hochdrehzahl-Saugmotoren auch im Zeitalter der Elektrifizierung noch ihre Fangemeinde haben. Wer es weniger radikal, dafür umso exklusiver mag, schaut bei Singer vorbei. Das kalifornische Unternehmen modernisiert klassische Porsche 911 zu technisch komplett neu aufgebauten Restomods, die häufig mehr als eine Million Euro kosten.
Die eigentliche Attraktion sind längst nicht mehr nur historische Rennwagen oder spektakuläre Rekordfahrten. Goodwood zeigt vor allem, wohin sich der Sportwagen entwickelt und wer künftig das Tempo vorgibt.



