Die Betreiber der Stromverteilnetze in Deutschland blicken pessimistisch auf die Energiewende. Nach einer Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) halten 75 Prozent der Unternehmen das gesetzlich definierte Ziel, den Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch bis 2030 auf 80 Prozent zu erhöhen, ohne strukturelle Änderungen für nicht erreichbar. Weitere 16 Prozent stimmen dieser Aussage teilweise zu. Insgesamt zweifeln damit 91 Prozent der Befragten an der Zielerreichung.
Regulierung durch Bundesnetzagentur im Fokus der Kritik
Die Umfrage, die dem Handelsblatt vorliegt, zeigt einen starken Zusammenhang zwischen dem Pessimismus und der Regulierung durch die Bundesnetzagentur. 79 Prozent der Unternehmen bewerten die jüngsten Festlegungen der Behörde als insgesamt negativ oder sehr negativ. Besonders kritisiert wird die sogenannte Nest-Regulierung (Netze. Effizient. Sicher. Transformiert.), die Ende vergangenen Jahres abgeschlossen wurde. Sie regelt die Erlöse der Netzbetreiber ab 2029 für Strom und ab 2028 für Gas.
Die Bundesnetzagentur hatte versucht, eine Balance zwischen den Interessen der Netzbetreiber und der Kunden zu finden. Höhere Netzerlöse bedeuten höhere Strompreise, sollen aber Anreize für einen schnelleren Netzausbau setzen. Die Umfrage deutet darauf hin, dass die Betreiber Zweifel an der künftigen Regulierung haben.
Agnes-Prozess soll Reformen bringen
Parallel arbeitet die Netzagentur am Agnes-Prozess (Allgemeine Netzentgeltsystematik Strom), der bis Ende 2026 abgeschlossen sein soll. Ziel ist es, knappe Netzkapazitäten zu bepreisen, flexible Nutzung anzureizen und die Kosten des Netzausbaus zu dämpfen. VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing betont, die Nest-Regulierung belaste die Betreiber erheblich. Es komme darauf an, die Rahmenbedingungen im Agnes-Prozess so weiterzuentwickeln, dass Investitionen nicht ausgebremst werden.
Schlüsselrolle der Verteilnetze für die Energiewende
Die Stromverteilnetze sind für die Energiewende von zentraler Bedeutung, da sie den Strom auf regionaler und lokaler Ebene bis zum Hausanschluss transportieren. Die Betreiber müssen eine wachsende Zahl von Erzeugungsanlagen wie Windparks und Photovoltaikanlagen integrieren. Gleichzeitig steigt die Zahl der Stromverbraucher durch Elektrifizierung industrieller Prozesse, Rechenzentren sowie private Wärmepumpen und Ladestationen für E-Autos.
Investitionsbereitschaft hoch, Finanzierungslücke groß
Die Probleme sind seit Jahren bekannt. Zwar sind Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe geplant, doch der Ausbau stößt an Grenzen. 66 Prozent der Unternehmen nennen bürokratischen Aufwand als Hauptgrund für Verzögerungen, gefolgt von Lieferengpässen (54 Prozent) und langen Genehmigungsverfahren (48 Prozent).
85 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, ihre Investitionen bis 2045 zu verdoppeln oder zu verdreifachen. Eine PwC-Analyse zeigt jedoch, dass Stadtwerke und Regionalversorger bis dahin rund 535 Milliarden Euro in die Klimaneutralität investieren müssen, wovon 346 Milliarden Euro nicht durch Eigenmittel gedeckt sind.



