Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer Zinserhöhung, da die Inflation im Euroraum aufgrund des Iran-Konflikts weiter anzieht. Wie das EU-Statistikamt Eurostat mitteilte, stiegen die Verbraucherpreise im Mai um durchschnittlich 3,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Dies ist der höchste Wert seit September 2023 und der vierte Monat in Folge, in dem die Teuerung deutlich über dem EZB-Ziel von 2 Prozent liegt.
Energiepreise treiben Inflation
Haupttreiber der Inflation bleibt die Energie, die im Mai 10,9 Prozent mehr kostete als ein Jahr zuvor. Hintergrund ist der Iran-Krieg: Nach US-israelischen Angriffen blockierte der Iran die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Routen für den globalen Öltransport. US-Präsident Donald Trump reagierte mit einer Blockade iranischer Öltransporte durch die Meerenge. Dies führte zu einem Anstieg der Ölpreise, der sich nun in den Verbraucherpreisen niederschlägt.
Experten erwarten anhaltend hohe Inflation
Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer geht davon aus, dass die Teuerung noch viele Monate über drei Prozent liegen wird, sofern die Straße von Hormus nicht schnell wieder für den Schiffsverkehr geöffnet wird. „Für eine anhaltend hohe Inflation spricht auch, dass Umfragen zufolge immer mehr Unternehmen die gestiegenen Energiekosten an ihre Kunden weitergeben“, so Krämer. Zudem hätten die langfristigen Inflationserwartungen der Verbraucher spürbar angezogen. „Der EZB bleibt nichts anderes übrig, als ihre Leitzinsen auf der Sitzung nächste Woche anzuheben“, bilanzierte Krämer. „Vermutlich dürfte sie nach der Sommerpause erneut erhöhen.“
Auch Chefvolkswirt Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank sieht die EZB bereits auf dem Sprung: „Die höheren Kosten weiteten sich auf immer mehr Ausgabenkategorien aus. Zweitrundeneffekte sind also unterwegs, sie steigern die Alarmbereitschaft der EZB.“
Dienstleistungen verteuern sich
Die von der EZB besonders beachtete Teuerung bei Dienstleistungen stieg im Mai auf 3,5 Prozent, nach 3 Prozent im April. Dieser Wert gilt als Gradmesser für den binnenwirtschaftlichen Preisdruck und liegt seit mehr als drei Jahren über dem mittelfristigen 2-Prozent-Ziel der EZB.
EZB-Signale deuten auf Zinserhöhung
Führende EZB-Zentralbanker, darunter Chefvolkswirt Philip Lane und Direktorin Isabel Schnabel, haben in den vergangenen Wochen den Weg für eine wahrscheinliche Zinserhöhung im Juni bereitet. „Aus heutiger Sicht halte ich eine Zinserhöhung im Juni für nötig“, sagte Schnabel kürzlich. Sie fügte hinzu, dass sich die EZB zwar niemals vorab festlege, der Schock arbeite sich jedoch durch die Wirtschaft. Die EZB entscheidet am Donnerstag kommender Woche über die Zinspolitik.
Laut „Financial Times“ rechnet der Finanzmarkt mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 95 Prozent, dass die Zinsen um einen Viertelprozentpunkt auf 2,25 Prozent angehoben werden. Vor dem Iran-Krieg hatten die Märkte noch mit Zinssenkungen gerechnet, um die schwächelnde Wirtschaft zu stützen. Nun kehrt sich die Erwartung um.



