In diesen Tagen der Hitze wird jeder Schatten gelobt. Doch man kann es auch übertreiben. Wenn etwa das kaiserzeitliche „Berliner Mietshaus“ mitsamt seinen oft so finsteren Hinterhöfen zum Ideal urbanen Lebens stilisiert wird. So geschehen in dem neuen Buch des Berliner Architekten Tobias Nöfer „Vorbild Berliner Mietshaus“ (Wasmuth Verlag), das stadtbaupolitische Brisanz in sich trägt.
Das Modell „Berliner Mietshaus“ als Blaupause
Das Bebauungskonzept für das Tempelhofer Feld sieht vor, auf dem riesigen Areal rund 20.000 neue Wohnungen zu errichten – und zwar nach dem Vorbild des „Berliner Mietshauses“ aus der Kaiserzeit. Dieses Modell, das in der Gründerzeit ganze Stadtteile prägte, steht für eine dichte Blockrandbebauung mit engen Hinterhöfen. Befürworter loben die hohe Wohndichte und die belebten Straßenfronten. Kritiker hingegen erinnern an die dunklen, feuchten Hinterhöfe, die oft als „Berliner Hinterhof“ berüchtigt waren.
Nikolaus Bernau, Autor des Kommentars im Tagesspiegel, warnt vor einem unkritischen Revival dieses Stadtbaustils. „Die Hinterhöfe der Kaiserzeit waren nicht nur Orte der Gemeinschaft, sondern auch der Enge und mangelnden Hygiene“, schreibt er. Statt einer uniformen Nachverdichtung plädiert er für eine vielfältige Stadtentwicklung.
Bessere Ideen für eine vielfältige Stadt
Bernau schlägt alternative Konzepte vor, die mehr Grün- und Freiflächen integrieren, moderne Wohnungsgrundrisse ermöglichen und auf soziale Durchmischung setzen. Statt der starren Blockrandbebauung könnten etwa gestaffelte Baukörper, Innenhöfe mit hoher Aufenthaltsqualität und begrünte Dächer das Stadtklima verbessern. „Die Hitze der letzten Tage zeigt, wie wichtig schattenspendende Bäume und offene Flächen sind“, betont der Autor.
Der Kommentar richtet sich gegen die Verklärung der Vergangenheit. „Das Berliner Mietshaus war eine Notlösung für die Massenverstädterung des 19. Jahrhunderts, kein Ideal für das 21. Jahrhundert“, heißt es. Stattdessen solle Berlin aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und neue Wege gehen.
Kontroverse um die Zukunft des Tempelhofer Felds
Die Debatte um die Bebauung des Tempelhofer Felds ist hochpolitisch. Während die einen auf bezahlbaren Wohnraum drängen, fordern andere den Erhalt der riesigen Freifläche als Naherholungsgebiet. Der Senat plant eine Randbebauung, die das Feld nicht vollständig überbauen soll. Doch die genaue Gestaltung ist umstritten. „20.000 Wohnungen sind eine Chance, aber sie dürfen nicht zu einer neuen Monotonie führen“, warnt Bernau.
Der Architekt Tobias Nöfer verteidigt in seinem Buch das Mietshaus als „erfolgreichstes Wohnmodell der Stadtgeschichte“. Er verweist auf die lebendigen Kieze, die daraus entstanden sind. Doch Bernau entgegnet: „Die Kieze waren nicht wegen, sondern trotz der Hinterhöfe lebendig.“ Die Diskussion zeigt, wie tief die Gräben zwischen Traditionalisten und Modernisierern in der Berliner Stadtplanung sind.



