Harald Martenstein (72) schreibt die tägliche Kolumne in BILD. In seinem neuesten Beitrag greift er ein historisches Ereignis auf, das vor 140 Jahren Deutschland erschütterte. Damals kannte jeder in Deutschland den Namen Adolf Lüderitz. Lüderitz war der Mann, der Deutschland große Teile der Kolonie Südwestafrika, dem heutigen Namibia, verschaffte. Er kaufte 1883 den Einheimischen Land ab – sehr viel Land. Doch der Kaufvertrag war ein einziger Betrug. Lüderitz täuschte die Einheimischen und wurde fortan im Volksmund nur noch „der Lügenfritz“ genannt. Ein Lügenfritz ist jemand, der das Blaue vom Himmel herunterschwindelt, bis er bekommt, was er will.
Ein historischer Vergleich mit aktueller Brisanz
Martenstein stellt die Frage: Was würde heute passieren, wenn jemand einen Kanzler als „Lügenfritz“ bezeichnen würde? Genau das ist geschehen: Ein Deutscher erinnerte sich an den historischen Betrug und nannte den aktuellen Kanzler (Bismarck ist längst tot) einen „Lügenfritz“. Dafür wurde er zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Die Begründung: Das Vertrauen in die Integrität des Kanzlers werde erschüttert. Genau das wollte der Kritiker doch zum Ausdruck bringen!
Die Ironie der Geschichte
Das Wort „Lügenfritz“ war unter Kaiser Wilhelm I. legal. Doch heute sind die Behörden nicht mehr so entspannt wie 1883. Martenstein warnt scherzhaft: „Lügenfritz, ich habe Angst um deinen Chef.“ Er zitiert Otto von Bismarck, der einst sagte: „Wer seine Ansichten mit anderen Waffen verteidigt als denen des Geistes, von dem muss ich voraussetzen, dass ihm die Waffen des Geistes ausgegangen sind.“ Martenstein fügt hinzu: „Hoffentlich wird Bismarck vom Kanzler nicht auch noch verklagt!“
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