Harry Nelis: „Beginn eines neuen, massiven Zyklus“ für Start-ups
Harry Nelis: „Beginn eines neuen, massiven Zyklus“ (24.07.2026)

Der renommierte Risikokapitalmanager Harry Nelis, Partner bei Accel, sieht den Beginn eines neuen, massiven Zyklus für Start-up-Investitionen. Trotz steigender Bewertungen und höherer Risiken erwartet er weiterhin gute Renditen. Gleichzeitig warnt er Europa davor, bei der Verteidigungssouveränität zu übertreiben. „Niemand wird die beste europäische Infrastruktur kaufen, wenn es eine deutlich bessere amerikanische gibt“, sagte Nelis im Interview mit dem Handelsblatt.

Investitionsfokus auf KI, Cyber und Verteidigung

Accel hat zuletzt einen Großteil seiner Mittel in die drei Sektoren KI, Cyber und Verteidigung gelenkt. Deutschland ist laut Nelis im Rüstungsbereich überproportional vertreten, was auf das große deutsche Verteidigungsbudget zurückzuführen sei. Zu den großen Rüstungs-Start-ups im Accel-Portfolio gehören Helsing in Deutschland und Cambridge Aerospace in Großbritannien. „KI- und Rüstungsunternehmen können in sehr kurzer Zeit auf eine Milliarde Umsatz wachsen“, betont Nelis. Cambridge Aerospace, ein Raketenabwehrspezialist, ist erst rund 20 Monate alt und könnte bei voller Auslastung seiner Fabrik einen Milliardenumsatz erzielen.

Gründe für den Rüstungsboom

Nelis sieht drei Hauptgründe für den Paradigmenwechsel in der Rüstungsindustrie: Erstens eine Umkehrbewegung nach jahrelanger Unterinvestition, zweitens eine grundlegende Veränderung der Schlachtfeldtechnologien hin zu Drohnen, unbemannten Fahrzeugen und Autonomie, und drittens das Streben nach europäischer Souveränität, da US-Ausrüstung nicht immer verfügbar sei. „Also sollten wir souveräner werden und diese Dinge selbst herstellen“, so Nelis.

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SaaS-Unternehmen bleiben attraktiv

Trotz des Booms in KI und Verteidigung investiert Accel weiterhin in klassische SaaS-Unternehmen wie Celonis und Personio. Nelis erklärt: „Ein Dienst wie das KI-Start-up Legora oder der KI-App-Entwickler Lovable ist im Grunde eine SaaS-Schicht über einem Sprachmodell. Sobald SaaS-Unternehmen anfangen, Modelle wirklich zu integrieren, werden sie ähnlich.“ Die echte Kapitalrendite werde entstehen, wenn Geschäftsprozesse automatisiert werden und KI-Agenten zusammenarbeiten. Celonis liefere dafür den entscheidenden Kontext.

Menschen als Schlüsselfaktor

Für Nelis sind die Gründer und ihre Teams der entscheidende Faktor für den Erfolg im Wandel. „Menschen müssen KI entweder annehmen, oder sie riskieren, den Anschluss zu verlieren“, warnt er. Unternehmen mit technischer Altlast hätten es schwer, da ihre Infrastruktur durch die schnelle technologische Entwicklung veraltet sei. Ein Patentrezept gebe es nicht, alles drehe sich um die Menschen.

Wandel des Investitionsfokus

Nelis selbst hat sich ständig neu erfunden: „Unser letztes Halbleiterinvestment lag Jahrzehnte zurück, und jetzt haben wir gerade ein neues Halbleiterinvestment in ein Unternehmen namens Fractile gemacht.“ Auch als Investor müsse man sich ständig weiterbilden. Sein Hintergrund als promovierter Mathematiker helfe dabei. Interessanterweise habe sich auch das Profil der Gründer verändert: „Früher gab es kaum Doktortitel und Wissenschaftler. Jetzt hat ein deutlich größerer Anteil der Gründer von Milliarden-Start-ups einen Doktortitel oder kommt aus den großen KI-Laboren.“

Europas Rolle im globalen Wettbewerb

Nelis sieht die Renaissance von Hardware- und Deep-Tech-Themen in Europa als hoffnungsvoll, warnt aber vor übertriebener Souveränität. „Das Spielfeld ist nach wie vor ein globales. Die Menschen wollen den besten Chip kaufen, nicht den besten europäischen.“ Er empfiehlt europäischen Gründern, ihr Produkt in Europa zu entwickeln, mit Großkonzernen zusammenzuarbeiten und dann den Sprung in die USA zu wagen.

Wagniskapitalbranche unter Druck

In den vergangenen Jahren gab es kaum große Börsengänge in Europa. Nelis erklärt, dass das Potenzgesetz wirke: „Die supererfolgreichen Unternehmen sind superliquide und superwertvoll. Aber wenn man darüber hinausgeht, fällt es schnell ab.“ Früher sei die Verteilung breiter gewesen. „Wir als Investoren müssen dafür sorgen, dass wir diese wirklich erfolgreichen Ausreißer erwischen.“

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Höhere Bewertungen, höheres Risiko

Nelis beschreibt den Wandel bei den Finanzierungsrunden: „Heute gibt es das Konzept einer Series A über 50 oder 60 Millionen Dollar oder mehr. Und weil die Gründer nicht so viel Verwässerung in Kauf nehmen wollen, sind die Bewertungen entsprechend höher. Man macht also Investments, die genauso frühphasig und genauso riskant sind wie früher – aber mit viel größeren Schecks und viel höheren Bewertungen.“ Dennoch glaubt er, dass die Rechnung aufgehen könne, auch wenn eine gute Anzahl der Investments nicht funktioniere. „Als Investor sind die heutigen Zeiten unglaublich aufregend, weil sich alles verändert, und gleichzeitig so beängstigend wie nie zuvor, weil die Zahlen und das Risiko deutlich höher sind.“

Vergleich mit dem Corona-Zyklus

Den aktuellen Zyklus vergleicht Nelis mit der Corona-Pandemie, als Rekordsummen in Start-ups flossen. Damals wurde der Boom durch billiges Zentralbankgeld befeuert. „Was wir jetzt sehen, ist der Beginn eines neuen, massiven Zyklus. Global werden enorme Summen in KI-Investments gesteckt. Was man noch sehen muss: Unternehmen müssen diese Technologien nutzen und einen Return on Investment erzielen – das steht noch aus.“

Verpasste Deals und Beziehungen zu Gründern

Nelis gibt zu, Deals verpasst zu haben, etwa beim niederländischen Fintech Adyen. „Das war der große Fehler.“ Die Beziehung zu Gründern sei entscheidend: „Die erfolgreichsten Unternehmen sind meist gründergeführte Unternehmen.“ Er rät jedem Gründer: „Das hier ist ein Marathon, kein Sprint. Man kann keinen Marathon sprinten.“ Entscheidungen über Deals müssten schnell fallen, basierend auf einem „prepared mind“: „Wir investieren viel Zeit in einen Sektor und erarbeiten uns, was die Erfolgsformel für ein interessantes Unternehmen in diesem Sektor ist.“