Das Münchner Start-up MicroAGI hat mit einer Seed-Finanzierungsrunde von 55 Millionen Dollar einen Rekord in Deutschland aufgestellt. Es ist die bislang größte Seed-Finanzierung eines deutschen Start-ups. Die Runde wird vom internationalen Seed-Investor Hummingbird angeführt, der auch an den schwedischen KI-Firmen Lovable und Legora beteiligt ist. Weitere Risikokapitalgeber sind Northzone, Localglobe, Village Global und Redalpine.
Geschäftsmodell: Roboterintegration per KI
MicroAGI wurde erst vor zehn Monaten gegründet und erzielt bereits seit neun Monaten Umsatz. Das Unternehmen fungiert als Systemintegrator für Industrieroboter. Gründer und CEO Bercan Kilic, früher Ingenieur beim Formel-1-Team Red Bull Racing, erläutert: „Wir sorgen dafür, dass Roboter eingesetzt werden können. Wir nutzen die Hardware und die Software, die auf dem Markt ist, und übernehmen die Feinabstimmung beim Endkunden.“
Das Start-up schickt Ingenieure in die Fabriken seiner Kunden, die vorhandene Roboter und deren Software mithilfe von KI-Modellen an die individuellen Produktionsprozesse anpassen. MicroAGI verspricht, dort zu helfen, wo sich Industriefirmen derzeit schwertun: bei der Integration von Robotern in den laufenden Betrieb. Die Komplexität liegt in gewachsenen, nicht vollständig digitalisierten Infrastrukturen, sich ändernden Prozessen und der Notwendigkeit kollaborativer Lösungen zwischen Mensch und Maschine.
Zwei Plattformen: Atlas und Shift
MicroAGI hat zwei Plattformen entwickelt: Atlas und Shift. Atlas zeichnet Daten von Robotern auf, analysiert sie und optimiert sie für bestimmte Aufgaben. Programmierer vor Ort, sogenannte Forward Deployed Engineers (FDEs), stellen sicher, dass das Wissen in den Fabriken richtig genutzt wird. Shift ist eine Datensammelplattform, die KI-Firmen wie OpenAI Trainingsdaten zur Verfügung stellt.
Ein PR-Coup gelang MicroAGI mit einem kostenlosen Putzservice in New York. Dabei trugen Putzkräfte Kameras, um Daten für das Training von Haushalts- und Pflegerobotern zu sammeln. Dies sorgte in den USA für Schlagzeilen.
Investoren und Partner
Zu den Partnern von MicroAGI zählen der weltgrößte Chipentwickler Nvidia und der chinesische Robotikkonzern Unitree. Redalpine-Partner Sebastian Becker sagt über das Investment: „Automatisierung und Robotik geben uns die Chance, die Fertigung nach Europa zurückzuholen: vollautomatisierte Fabriken, die Europas technologische Stärke nutzen und zugleich teure Transportwege, Lieferkettenrisiken und Abhängigkeiten von anderen Ländern eliminieren.“ Der frühere Redalpine-Investor Gianmarco Hodel war von MicroAGI derart begeistert, dass er direkt zu der Firma wechselte.
Michiel Kotting von Northzone betont die Besonderheit von MicroAGI: „Die eigentliche Herausforderung ist die ‚letzte Meile‘: die zuverlässige Implementierung von Robotern innerhalb der Anlage eines Kunden auf unterschiedlicher Hardware und mit verschiedenen Modellen.“
Zukunftspläne und Wachstum
Das Geld aus der Seed-Runde will Kilic nutzen, um Rechenleistungen zu kaufen und das Team von derzeit rund 80 Mitarbeitern zu erweitern. Das Umsatzziel für dieses Jahr sei es, deutlich stärker als im zweistelligen Prozentbereich zu wachsen. MicroAGI sieht sich nicht als Konkurrent von Roboterherstellern wie Neura Robotics, sondern als hardware- und modellunabhängiger Partner. Kilic betont: „Unser System lernt aus den tatsächlichen Betriebsabläufen und lässt diese Erkenntnisse in den nächsten Durchlauf einfließen.“ Das spare Zeit und Geld.



