Seit mehr als sieben Wochen liegt der Jackpot bei der klassischen Lotterie „6 aus 49“ bei 50 Millionen Euro. Das ist äußerst ungewöhnlich – selbst Lotto-Profis sind überrascht, dass so lange niemand die sechs Richtigen mit Superzahl getippt hat. Mittlerweile ist die Gewinnsumme im ersten Rang auf 92,61 Millionen Euro gestiegen, nachdem 31 Ziehungen ohne Hauptgewinn vergangen sind. Der Rekordjackpot verleitet viele, ihr Glück zu versuchen – doch macht das wirklich Sinn?
Wie funktioniert der Jackpot bei 6 aus 49?
Seit 14 Ziehungen ist die gesetzliche Obergrenze von 50 Millionen Euro erreicht. Das bedeutet: Sollte der Jackpot am Mittwoch geknackt werden, fließen sofort mehr als 42 Millionen Euro in den nächsten Jackpot der folgenden Ziehung, wie ein Sprecher von Westlotto in Münster erklärt. Zuletzt gab es einen Hauptgewinner am 25. März – damals gingen 44,2 Millionen Euro nach Bayern. Die Regeln wurden Ende 2023 geändert: Die Obergrenze stieg von 45 auf 50 Millionen Euro, und die Ausschüttung bei Erreichen der Obergrenze wurde abgeschafft. Zuvor konnte der Jackpot auch mit sechs Richtigen ohne Superzahl (Gewinnklasse 2) geknackt werden.
Unterschied zum Eurojackpot
Beim Eurojackpot wandert jeder zusätzliche Euro nach Erreichen der 120-Millionen-Grenze in die zweite Gewinnklasse, sodass dort ein zweiter Jackpot entsteht. Die Gewinnwahrscheinlichkeit ist in beiden Lotterien für die erste Gewinnklasse identisch: 1 zu 140 Millionen.
Gefahr der Glücksspielsucht?
„Jedes Glücksspiel hat ein Risiko“, sagt Verena Küpperbusch, Leiterin der Landesfachstelle Glücksspielsucht Nordrhein-Westfalen in Bielefeld. Beim klassischen Lotto sei es aber vergleichsweise gering. „Das liegt am Zeitfaktor. Sportwetten können live stattfinden und rund um die Uhr. Es geht Schlag auf Schlag bei hohem Tempo. Das gibt es beim klassischen Lotto so nicht. Durch den Rhythmus Samstag/Mittwoch wird das entzerrt.“ 18,3 Prozent der Bevölkerung spielen Lotto. „Das sind relativ viele. Davon haben aber nur wenige ein problematisches Glücksspielverhalten“, so Küpperbusch. Auch Steffen Otterbach, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim, sieht ein deutlich höheres Risiko bei virtuellen Automaten und Live-Sportwetten sowie illegalen Angeboten.
Macht es Sinn, jetzt zu spielen?
Otterbach weist auf ein Paradoxon hin: „Die Wahrscheinlichkeit, einen hohen Jackpot für sich alleine zu gewinnen, verringert sich sogar, wenn mehr Menschen an einer Verlosung teilnehmen.“ Menschen neigten dazu, Wahrscheinlichkeiten verzerrt wahrzunehmen: Sie überschätzen sehr kleine Wahrscheinlichkeiten, während mittlere und hohe unterschätzt werden. Zur Veranschaulichung dient ein Vergleich: Die Chance, den Jackpot zu knacken, ist so groß wie die, mit verbundenen Augen den einzigen roten Grashalm auf einem Fußballfeld mit rund 140 Millionen grünen Halmen zu finden.
Spielen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten
Studien aus mehreren Ländern zeigen: In wirtschaftlich angespannten Zeiten steigt die Lotto-Nachfrage. „Nach der Finanzkrise in Island kauften Menschen mit Geldsorgen deutlich häufiger Lottoscheine als Menschen ohne finanzielle Probleme“, sagt Otterbach. „Auch in den USA wurde in der Vergangenheit ein ähnlicher Zusammenhang zwischen steigender Arbeitslosigkeit und höheren Lottoumsätzen festgestellt.“ Dahinter stecke die Hoffnung, dem finanziellen Engpass mit einem Gewinn zu entkommen.
Rolle des persönlichen Einkommens
Menschen mit geringerem Einkommen und geringerer Bildung geben im Verhältnis zu ihrem Einkommen mehr für Lotto aus als Menschen mit höherem Einkommen, so Otterbach. Einkommensschwächere Gruppen tragen anteilig stärker zu den staatlichen Einnahmen aus dem Lotteriespiel bei. Eine mögliche psychologische Erklärung: Lotterien versprechen einkommensschwächeren Menschen eine der wenigen Gelegenheiten für plötzlichen Wohlstandszuwachs.
Reiz von Traumhausverlosungen
Bei manchen Lotterien ist der Hauptpreis eine Immobilie statt Bargeld. „Zu diesem konkreten Format ist mir keine wissenschaftliche Untersuchung bekannt“, sagt Otterbach. Es erscheine jedoch plausibel, dass sich Menschen ein Haus besser und konkreter vorstellen können als eine abstrakte Geldsumme. „Und genau dies lässt einen Gewinn näher und wahrscheinlicher erscheinen, als er tatsächlich ist.“ Menschen tendierten dazu, die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen danach zu beurteilen, wie leicht ihnen passende Beispiele in den Sinn kommen – was zu systematischen Fehleinschätzungen führen kann. Lotterien würden daher gern mit Geschichten einzelner Gewinner beworben, um den Eindruck zu erwecken, ein Gewinn sei einfacher zu erreichen, als es die tatsächlichen Chancen nahelegen.



