Cem Özdemir will im Thermalbad keine Selfies in Badehose
Özdemir will keine Selfies in der Badehose

Seit Cem Özdemir (Grüne) Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist, gibt es für ihn kaum noch Momente der Anonymität. Selbst ein Besuch im Thermalbad in seiner Heimatstadt Bad Urach wird zur öffentlichen Angelegenheit. Kurz nach seiner Vereidigung wollte er dort mit seiner Familie entspannen, als Jugendliche ihn erkannten und zu einem ungewöhnlichen Wunsch ansetzten: Sie wollten mit ihm im Wasser ein Selfie aufnehmen – in Badehose. „Jugendliche haben wirklich das Handy geholt und wollten im Wasser mit mir Selfies machen, in der Badehose. Also ich mache wirklich vieles möglich, aber das bitte nicht“, berichtet der Regierungschef mit einem Augenzwinkern.

Kein Rückzugsort mehr

Auch die Sauna biete keine Rückzugsmöglichkeit mehr, erzählt Özdemir. „Selbst in der Sauna wurde ich angesprochen. Das war schon echt lustig. Da habe ich realisiert: die Zeiten, in denen ich da einfach so inkognito hingehen kann, die sind jetzt einfach vorbei.“ Diese Begebenheiten verdeutlichen, wie sehr sich sein Alltag seit dem Wechsel an die Spitze des Landes verändert hat. Der gebürtige Bad Uracher steht dabei im Spannungsfeld zwischen Annäherung und Distanz. Die Menschen erkennen ihn überall – ob beim Einkaufen in der Innenstadt, im Thermalbad oder in der Sauna. Was für viele Politiker eine ungewohnte Erfahrung wäre, nimmt Özdemir überwiegend mit Humor.

Vom Bundesminister zum Ministerpräsidenten: „Next Level“ der Wahrnehmung

Özdemir kann auf eine jahrzehntelange politische Karriere zurückblicken. Er war lange Zeit einer der prominentesten Gesichter der Grünen und über viele Jahre Mitglied des Bundestages. Als Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft gehörte er zur Bundesregierung und war regelmäßig in den Medien präsent. Doch das Amt des Ministerpräsidenten sei noch einmal eine Steigerung, betont er: „Ich war ja auch als Bundesminister durchaus sichtbar, aber das Amt des Ministerpräsidenten ist next level. Das ist nochmal was ganz anderes in der Wahrnehmung.“ Die Menschen im Land begegneten ihm nun unmittelbarer und persönlicher, was er als Teil seiner Aufgabe betrachtet. Die Aufmerksamkeit sei intensiver, der Alltag stärker von Begegnungen mit Bürgerinnen und Bürgern geprägt – das gehöre zum neuen Job.

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„Jobbedingung“: Öffentlicher Dienst rund um die Uhr

Die Tatsache, dass es für ihn kaum noch private Orte gibt, nimmt Özdemir gelassen. „Das gehört zu meinem Job. Ab dem Zeitpunkt, an dem ich die Wohnung verlasse, weiß ich, dass ich in den Augen der Leute auch öffentlich im Dienst bin“, erläutert er. „Das ist die Jobbedingung. Darum beschwere ich mich darüber auch nicht.“ Diese Einstellung spiegelt sein Verständnis des Amtes wider: Wer eine solche Position bekleide, müsse mit permanenter Beobachtung leben. Dennoch betont er, dass ihm der direkte Kontakt zur Bevölkerung wichtig sei. Die Rolle als Ministerpräsident sei keine Last, sondern eine Verantwortung, die er gerne trage.

Freude am Dialog – aber keine heimlichen Fotos

Besonders schätzt er spontane Begegnungen im Alltag. „Am schönsten ist eigentlich, wenn ich durch die Stadt laufe, einkaufen gehe und spontan angesprochen werde“, sagt Özdemir. In solchen Momenten entstehe oft ein ungezwungener Dialog, der ihm zeige, was die Menschen im Land bewegt. Wer ihn anspreche, dem stehe er für ein kurzes Gespräch, ein Autogramm oder auch ein gemeinsames Foto zur Verfügung – unter einer Bedingung: Die Selfie-Wünsche sollten nicht bis ins Thermalbecken oder in die Sauna reichen. Weniger wohl ist dem Ministerpräsidenten, wenn er heimlich fotografiert wird. Eine solche Aufnahme ohne sein Wissen empfindet er als unangenehm. Stattdessen wünscht er sich eine direkte Ansprache. „Wenn mich jemand erkennt, kann er mich jederzeit ansprechen“, erklärt er. Auch wenn er die Anekdoten aus dem Thermalbad und der Sauna mit Humor nimmt, sind ihm dort klare Grenzen gesetzt. Für Gespräche und Fotos im öffentlichen Raum sei er dagegen offen.

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