CSD-Anschlag: Berlin erinnert mit Trauer und Trotz an die Opfer
CSD-Anschlag: Berlin erinnert mit Trauer und Trotz

Gut eine Woche nach dem islamistischen Anschlag am Rande des Christopher Street Day ist die Trauer in Berlin noch immer sichtbar – doch sie mischt sich zunehmend mit Trotz. Auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor stehen zwischen zahllosen Blumen unzählige Kerzen, immer wieder bleiben Menschen stehen, um die Botschaften auf den Blumen zu lesen oder eigene niederzulegen. Auf einer Regenbogenfahne aus Papier hat jemand geschrieben: „Ich bin fassungslos“, direkt darunter: „Aber ich werde nicht aufhören, für Liebe, Vielfalt und Menschlichkeit einzustehen!“

Einige hundert Meter entfernt, im Großen Tiergarten, an der Stelle, an der ein 21-jähriger Attentäter am 25. Juli mit einem Auto mehrere Passanten angefahren hatte, wächst das Blumenmeer ebenfalls weiter. „Liebe ist stärker als Angst. Wir bleiben bunt“, hat ein Unbekannter dort hinterlassen. Für viele queere Menschen ist genau das die zentrale Botschaft nach dem Anschlag: die Angst nicht gewinnen zu lassen, sondern als Community zusammenzustehen.

LSVD ruft zu Mahnwache am Tatort auf

Der Verband Queere Vielfalt (LSVD) hat am Sonntagabend zu einer Mahnwache genau an diesem Ort eingeladen. „Wir wollen der Opfer gedenken, den Betroffenen und ihren Angehörigen unsere Solidarität zeigen und als Community zusammenstehen“, heißt es in dem Aufruf des Verbands.

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Bei dem Anschlag am 25. Juli hatte ein 21-jähriger Islamist im Tiergarten mit einem Auto mehrere Passanten angefahren und anschließend weitere Menschen attackiert – vermutlich mit einer Machete. Eine Frau starb, 31 Menschen wurden verletzt. Der Angreifer wurde am Tag danach von Polizisten in einer Kleingartenkolonie gestellt und erschossen.

Kundgebung auf dem Bebelplatz: „Wir lassen uns nicht spalten“

Am Samstag, genau eine Woche nach dem Anschlag, stand die Erinnerung an das Attentat auch bei einer Veranstaltung auf dem Bebelplatz unweit der Museumsinsel im Mittelpunkt. „Wir lassen uns nicht spalten“ – dieses Motto prangte in großen Buchstaben am hinteren Rand der Bühne vor der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität. Zahlreiche Rednerinnen und Redner nahmen direkt Bezug auf den Angriff und machten deutlich, dass die Gesellschaft nun nicht auseinanderbrechen dürfe.

Auf einem Transparent war zudem der Satz „Von Trauer zu Wut zu Widerstand“ zu lesen – ein Ausdruck der Stimmung, die an diesem Tag viele in der queeren Community teilten. Der Queerbeauftragte des Berliner Senats, Alfonso Pantisano, mahnte zugleich, dass Trauer nichts Verstecktes sei: „Manche weinen, manche schweigen, manche schreien, andere singen, manche wollen reden, andere wollen einfach nur festgehalten werden“, sagte er. Trauer habe keine Kleiderordnung, keinen Stundenplan und kein Drehbuch.

Pantisano: „Terror will Angst säen“

Pantisano machte in seiner Rede deutlich, was der Anschlag mit queeren Menschen macht. „Denn Terror will Angst säen. Er will, dass queere Menschen sich nicht mehr sicher fühlen, dass wir uns umsehen, bevor wir einander küssen, dass wir die Hand des Menschen, den wir lieben, auf offener Straße loslassen.“ Er selbst schaffe es nicht, mit seinem Partner Hand in Hand zu laufen, ohne zuerst an die Angst zu denken. Die Botschaft der Täter sei klar: „Sie wollen, dass wir unsere Stimmen senken und irgendwann ganz verschwinden.“ Doch seine Antwort lautet: „Wir sollten ihnen diesen Gefallen nicht tun.“

Der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert schilderte am Wochenende in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“, wie sehr solche Gedanken seinen Alltag prägen. „Ich halte in der Öffentlichkeit nicht die Hand meines Partners und rede mir standhaft ein, das sei einfach nicht mein Ding“, bekannte Kühnert.

Kühnert: „Wir haben uns ein Leben mit Umleitungen gebaut“

Der 1989 geborene Berliner beschreibt darin eine Selbstzensur, die viele queere Menschen kennen: „Bevor ich ihn in der Öffentlichkeit küsse, scanne ich grundsätzlich die Umgebung – immer und überall.“ Volksfeste oder vergleichbare Orte mit viel Alkohol meide er als erkennbares Paar komplett. Auch viele Urlaubsregionen kämen nicht infrage, „ausdrücklich auch welche in Deutschland“, so Kühnert.

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Kühnert war mehrere Jahre Juso-Bundesvorsitzender und von 2021 bis 2023 SPD-Generalsekretär, ehe er aus gesundheitlichen Gründen seine Ämter niederlegte. In seinem Beitrag blickt er auch auf die eigene Sozialisation: „Als schwuler Mann, Jahrgang 1989, wurde mir lange Zeit recht erfolgreich eingeredet, alle relevanten Kämpfe rund um meine Sexualität seien von den Generationen vor mir geführt und gewonnen worden.“ Der Anschlag auf den CSD zeige, dass das ein Irrtum sei.

„Anlässe wie der Angriff auf den Berliner CSD rufen mir immer wieder in Erinnerung, wie wir Schwule, Lesben und Queers jeglicher Couleur uns ein Leben mit Umleitungen gebaut haben“, schrieb Kühnert weiter. Oft seien diese Umleitungen unbewusst – doch sie gehörten zum Alltag vieler Menschen, die um ihre Sicherheit fürchten.

Am Pariser Platz unterdessen werden die Kerzen weiter angezündet. Das Bild des stillen Gedenkens steht in Kontrast zu denen, die den Anschlag für ihre Zwecke nutzen wollen. Die Blumen und Botschaften erzählen eine andere Geschichte: von Trauer, aber auch von einem unbeugsamen Willen, bunt zu bleiben.