Seit 2022 sind mehr als eine Million Menschen aus der Ukraine nach Deutschland geflohen. Tausende kamen im ersten Jahr am Berliner Hauptbahnhof an. Lena Chechendaieva war eine von ihnen. Die 35-jährige Bäckerin floh vor dem Krieg und ließ in der Ukraine ein Restaurant und mehrere Bäckereien zurück. Viereinhalb Jahre später hat sie nun ihre vierte Filiale der Bäckerei „Paskal“ in Berlin-Mitte eröffnet, nahe den Hackeschen Höfen.
Ein Denkmal für den Bruder
Hinter diesem Erfolg steht eine bittersüße Geschichte: Als 2023 ihr Bruder Paskal an der ukrainischen Front fiel, war für Lena Chechendaieva klar: „Ich werde ihm eine Bäckerei in Berlin widmen.“ Der Berufssoldat war erst 24 Jahre alt und liebte die selbst gebackenen französischen Croissants und Käsekuchen seiner Schwester. „Ich bereite alles von Hand zu und nutze die beste französische Butter“, erklärt sie.
Die Kette ist nach ihrem Bruder benannt. In der Bäckerei gibt es neben Croissants auch Choux (Windbeutel) und hausgemachte Limonaden. Die Croissants gibt es auch pikant belegt mit Brie, Jamón, Lachs oder gegrillten Paprika mit Pesto. Auf die Frage nach Kalorien antwortet Lena Chechendaieva: „Denen sage ich, sie sollen mich angucken: Ich esse täglich meine eigenen Produkte, das ist meine Diät.“ Sie ist Mutter von drei Töchtern.
Genüsse gegen die Trauer
In der Bäckerei „Paskal“ arbeitet auch Margarita Zaytseva. Sie floh mit ihrem Mann, einem Menschenrechtsaktivisten, 2023 aus Russland. In Berlin haben die beiden ein neues Kapitel aufgeschlagen. Auf ihrem Arm trägt sie eine Tätowierung mit dem russischen Wort „Mir“ – was übersetzt „Frieden“ bedeutet. So heißt auch ihr Hund.
Zur Eröffnungsfeier kamen zwei Schwestern aus der Ukraine: Yuliya Pohorielova und ihre Schwester Karina aus der Donbass-Region. „Wir haben im Februar 2022 im Urlaub von der Invasion der Ukraine erfahren. Seitdem sind wir nicht mehr in unsere Heimat zurückgekehrt“, sagt Yuliya. Sie lebt mit ihrem deutschen Mann in Berlin. Vor elf Monaten verlor sie ihr Baby nach der Geburt. Trotz des Krieges und dem Verlust versuchen beide Schwestern, das Positive zu sehen. Yuliya und ihr Mann haben die Event-Reihe „Borsch-Connection“ gegründet, um Deutsche und Ukrainer zusammenzubringen.
Resilienz und Hoffnung
Guckt Lena Chechendaieva immer noch Nachrichten über den Krieg? „Nein!“, sagt sie. „Videos sehe ich mir nicht an. Ich lese nur gelegentlich nach, was in der Ukraine passiert.“ Denkt sie, dass ihr Bruder sich freuen würde? „Ja, das denke ich. Er guckt mir vom Himmel aus zu und ist glücklich, dass mein Gebäck so gut ankommt.“
Die Bäckerei „Paskal“ ist mehr als ein Geschäft: Sie ist ein gelebtes Friedens-Statement. Yuliya, Karina und Lena holen sich noch einen Windbeutel und ein Croissant. Sie sind wild entschlossen, sich von Putins Krieg nicht ihr Leben zerstören zu lassen und es sich schmecken zu lassen.
Standorte: Prenzlauer Berg (Kollwitzstraße 66), Friedrichshain (Grünberger Straße 85), Charlottenburg (Meinekestraße 25) und Mitte (Almstadtstraße 5). Geöffnet täglich von 10 bis 20 Uhr, einzelne Standorte teils ab 8:30 Uhr.



