Frühe Social-Media-Nutzung kann Schulleistung beeinträchtigen
Frühe Social-Media-Nutzung beeinträchtigt Schulleistung

Eine neue Studie der University of Milano-Bicocca in Mailand hat einen Zusammenhang zwischen dem frühen Einrichten eines Social-Media-Kontos und schlechteren schulischen Leistungen festgestellt. Die Forschenden um Marco Gui befragten mehr als 5000 Schülerinnen und Schüler aus der Lombardei und analysierten deren Ergebnisse in standardisierten Tests. Die Studie wurde im Fachjournal „Nature Human Behaviour“ veröffentlicht und der Deutschen Presse-Agentur vorab zur Verfügung gestellt.

Ergebnisse: Frühe Nutzer schneiden schlechter ab

Die Auswertung zeigt: Jugendliche, die bereits in der sechsten, siebten oder achten Klasse ein Social-Media-Konto auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder Facebook hatten, schnitten in den Tests in Mathematik, Italienisch und Englisch im Durchschnitt schlechter ab als jene, die mindestens bis zur neunten Klasse warteten (also mindestens 14 oder 15 Jahre alt waren). Besonders deutlich war der Unterschied in Mathematik und in der Muttersprache. In Englisch hingegen waren die frühen Nutzerinnen und Nutzer genauso gut wie die späteren.

Die Autorinnen und Autoren vermuten, dass die „allgegenwärtige Präsenz englischsprachiger Inhalte auf Social-Media-Plattformen“ den frühen Nutzern möglicherweise beim informellen Spracherwerb hilft. Zudem zeigte die Studie, dass frühe Nutzer häufiger eine Klasse wiederholten. Die Leistungsunterschiede zwischen den Gruppen entsprechen laut Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, dem Lernfortschritt eines halben Schuljahres – ein aus seiner Sicht dramatischer Effekt.

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Mögliche Ursachen: Ablenkung und Überlastung

Die Forschenden betonen, dass die Studie einen ursächlichen Zusammenhang nahelegt. Um Scheinkorrelationen zu vermeiden, wurden Faktoren wie das Bildungsniveau der Eltern und der sozioökonomische Hintergrund der Familien berücksichtigt. Die genauen Gründe für die beobachteten Effekte wurden nicht untersucht, aber es gibt Hypothesen: Zum einen könnte das begrenzte Zeitbudget der Jugendlichen eine Rolle spielen – wer viel Zeit in sozialen Medien verbringt, hat weniger Zeit für die Schule. Zum anderen könnte die kognitive Überlastung entscheidend sein, da die Gehirne der Schülerinnen und Schüler die Informationsflut nicht verarbeiten können.

Christian Montag, außerordentlicher Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften an der Universität Macau, sieht die ständigen Unterbrechungen durch Smartphone-Benachrichtigungen als Hauptursache: „Dadurch werden die Zeitspannen möglicher Konzentration kürzer.“

Politische Debatte um Verbote

Die Studie kommt zu einem Zeitpunkt, an dem weltweit über ein Mindestalter für soziale Medien diskutiert wird. Frankreich wird als erstes EU-Land ein Verbot für Jugendliche unter 15 Jahren einführen. Auch Deutschland, Spanien, Griechenland und Österreich planen gesetzliche Regelungen für Minderjährige. In den politischen Debatten geht es vor allem um psychische Gesundheit und Suchtpotenzial, aber auch um Konzentrationsfähigkeit, Schlafqualität und Lebenszufriedenheit.

Kritik an der Methodik

Das Science Media Center befragte unabhängige Forschende zur Belastbarkeit der Ergebnisse. María Paz Prendes Espinosa, Professorin für Bildungstechnologie an der University of Murcia, äußerte Zweifel: „Kann sich ein Teenager genau daran erinnern, wie viel Zeit er in der Grundschule mit seinem Handy verbracht hat und zu welchen Zwecken? Wird er uns dies präzise und zuverlässig mitteilen?“ Sie kritisierte, dass die Studie ausschließlich auf Fragebögen basiere, was zu Verzerrungen durch die Erinnerung der Befragten führen könne. Zudem sei nicht transparent, wie der speziell entwickelte Fragebogen ausgewertet wurde und warum gerade die Fächer Mathematik, Italienisch und Englisch gewählt wurden.

Prendes Espinosa betonte, dass ein Verbot der Technologienutzung die Probleme nicht lösen werde: „Im Gegenteil: Wir müssen eine Bildung fördern, die auf den realen Kontext, in dem wir leben, zugeschnitten ist; wir müssen die Menschen schulen und dazu anleiten, den Umgang mit Technologie zu beherrschen.“

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Andere Forschende loben die Studie

Demgegenüber lobten andere Fachleute die Studie. Klaus Zierer hob die Größe der Stichprobe hervor und sagte: „Wieder einmal wurde gezeigt, dass eine frühe Social-Media-Nutzung zu negativen Effekten bei den Lernleistungen führen kann.“ Er hält die Ergebnisse für auf andere westliche Länder wie Deutschland übertragbar. Christian Montag ergänzte, dass die ständigen Unterbrechungen durch Benachrichtigungen die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen.

Die Diskussion um ein Mindestalter für soziale Medien wird durch solche Studien weiter angeheizt. Während einige Expertinnen und Experten Verbote befürworten, plädieren andere für mehr Medienkompetenz und Bildung im Umgang mit Technologie. Die neue Studie liefert jedenfalls empirische Daten, die in die Debatte einfließen können.