In der Debatte über Künstliche Intelligenz geht ein zentraler Aspekt unter: die menschliche Intelligenz selbst. Die Philosophin Gisela Schmalz wirft die Frage auf, ob wir überhaupt verstehen, was menschliche Begabung ausmacht. „Alle reden von künstlicher Intelligenz, aber niemand weiß genau, was menschliche Intelligenz ist“, sagt sie im Interview mit dem SPIEGEL. Der Anlass ist ein gesellschaftlicher Trend: Immer mehr Eltern machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder in einer Welt, in der Maschinen immer klüger werden. Der Wunsch nach Hochbegabung scheint dabei eine Antwort zu sein.
Der Kampf um den Intelligenzbegriff
Lange Zeit galt Intelligenz als das, was man mit Tests messen kann: Sprachverständnis, logisches Denken, räumliches Vorstellungsvermögen. In der Psychologie wird häufig von einem Intelligenzquotienten gesprochen, und ab einem Wert von 130 gelten Menschen als hochbegabt. Doch genau diese Gleichsetzung von Intelligenz mit messbarer Kognition hält Schmalz für verkürzt. Sie sieht darin einen Ausdruck einer Gesellschaft, die alles erfassen und kontrollieren möchte. Dabei werde übersehen, dass die interessantesten menschlichen Fähigkeiten sich gerade nicht quantifizieren lassen.
Der Hype um Hochbegabung sei ein Symptom dieser Haltung. Eltern, die ihr Kind testen lassen, suchen nach einer Bestätigung für dessen Potenzial. Doch die Ergebnisse solcher Tests, so die Philosophin, bildeten nur einen kleinen Ausschnitt ab. Das eigentliche Potenzial eines Menschen liege in seiner Fantasie, seiner Intuition und seiner Kreativität – Eigenschaften, die sich jedem standardisierten Verfahren entziehen.
Fantasie und Intuition: die vergessenen Talente
Schmalz fordert, den Blick zu weiten. „Wir schreiben Intelligenz eine Zauberkraft zu“, kritisiert sie. Diese Zauberkraft verkläre das Denken zu einer reinen Rechenleistung. Doch der Mensch sei kein Computer. Er habe die Fähigkeit, sich das Unbekannte auszumalen, neue Verbindungen zu knüpfen und sich von Gefühlen leiten zu lassen. Genau diese Fähigkeiten seien es, die den Menschen auszeichneten – und die zugleich in der öffentlichen Wahrnehmung massiv unterschätzt würden.
Mit ihrer Kritik stellt die Philosophin eine gängige Annahme infrage: dass Intelligenz vor allem etwas mit Effizienz und Geschwindigkeit zu tun hat. In der Welt der Algorithmen mag das gelten, aber für den Menschen, so Schmalz, sei das zu kurz gegriffen. Intuition beispielsweise sei keineswegs das Gegenteil von Vernunft, sondern eine komplexe Form der Wahrnehmung, die Erfahrungen unbewusst zusammenführe. Diese Form des Wissens werde in der Diskussion um Begabung oft ignoriert.
Hochbegabung als gesellschaftlicher Druck
Der Wunsch nach einem hochbegabten Kind ist für Schmalz nachvollziehbar, aber problematisch. Er setze Kinder unter Druck und verenge das Verständnis von Erfolg. Eltern, die ihr Kind fördern wollen, sollten sich nicht an einseitigen Idealbildern orientieren. Stattdessen müsse es darum gehen, die verschiedenen Begabungen eines Kindes zu entdecken – auch die, die nicht in einem Testbogen auftauchen.
Das Interview verdeutlicht, wie sehr die Intelligenzforschung an ihre Grenzen stößt. Die Philosophin plädiert dafür, den Begriff der menschlichen Begabung neu zu denken. Entscheidend sei nicht, wie viel jemand nach vorgegebenen Mustern leisten könne, sondern wie er auf neue Situationen reagiere, wie er Probleme kreativ löse und wie er sich in andere Menschen hineinversetzen könne. Diese Fähigkeiten, so Schmalz, würden in einer von Algorithmen geprägten Welt immer wichtiger.
Jenseits der Messbarkeit
Wer die menschliche Intelligenz verstehen wolle, dürfe sie nicht auf das reduzieren, was Maschinen können, sagt Schmalz. Die aktuelle Begeisterung für künstliche Intelligenz biete eine Chance zur Selbstvergewisserung. Indem wir uns mit den Fähigkeiten von Computern beschäftigen, erkennen wir deutlicher, was uns als Menschen ausmacht. Fantasie, Intuition, Kreativität und Empathie – all das seien keine Schwächen, sondern Stärken, die es zu fördern gelte.
Am Ende des Interviews steht ein Appell: Die Gesellschaft sollte weniger darum besorgt sein, wie sie Kinder zu Hochbegabten macht, sondern vielmehr darum, wie sie ein Umfeld schafft, in dem sich die verschiedenen Talente jedes Einzelnen entfalten können. Der Hype um Hochbegabung, so Schmalz, lenke davon ab. Statt Intelligenz zu einer Zauberkraft zu stilisieren, sollten wir anerkennen, dass menschliche Begabung vielfältig und nicht vollständig erfassbar ist. Das Gespräch wurde am 1. August 2026 von Tobias Becker geführt.



