Auf der antarktischen Forschungsstation Neumayer III sind die frischen Lebensmittel so gut wie aufgebraucht. Salat, Tomaten und anderes schnell verderbliches Obst und Gemüse stehen seit langem nicht mehr auf dem Speiseplan. Der letzte Flug mit frischer Ware traf im Februar ein. Die wenigen verbliebenen Äpfel reichen noch etwa zwei Wochen – und die letzte Orange wurde bereits feierlich verspeist.
„Die allerletzte Orange haben wir gerade gefeiert“, berichtet Stationsleiter Ingo Gerstmann. Die Frucht wurde unter den acht Mitgliedern des 46. Überwinterungsteams der Station aufgeteilt, die vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) betrieben wird.
Seit Februar allein in der Station
Der Mediziner aus Hannover war im November 2025 gemeinsam mit seinen sieben Kolleginnen und Kollegen per Flugzeug in die Antarktis gereist, um das vorherige Überwinterungsteam abzulösen. Im antarktischen Sommer herrschte zeitweise Hochbetrieb in dem Gebäude, das Platz für bis zu 50 Menschen bietet. Seit Februar 2026 ist die Crew jedoch unter sich. Insgesamt bleibt das Team 13 Monate – erst kurz vor Weihnachten geht es zurück in die Heimat.
Ein Verlassen oder Erreichen der Station ist derzeit schlicht unmöglich: Im Winter kann kein Flugzeug landen und kein Schiff festmachen. Seit zwei Monaten herrscht Polarnacht, die Sonne zeigte sich am 23. Juli erstmals wieder kurz über dem Horizont. Auch dieses Ereignis wurde gebührend gefeiert: „Wir haben darauf angestoßen“, sagt Gerstmann.
Kälte bis minus 39,6 Grad
Trotz der extremen Lage empfindet der 49-Jährige die aktuellen Bedingungen als angenehm. „Weil kaum Wind herrscht, sind es gefühlte minus 18 Grad – das ist für antarktische Verhältnisse mild“, erklärt er. „Die tiefste von uns gemessene Temperatur lag bei minus 39,6 Grad. Wenn dann noch Wind dazukommt, wird es sehr schnell sehr kalt.“ Für Arbeiten außerhalb der Station müssen sich die Teammitglieder dann besonders vor Erfrierungen schützen.
Den Sommer in Deutschland vermisst Gerstmann indes nicht. Während der Hitzewelle in der Heimat war er sogar froh, nicht dort zu sein. Im normalen Leben arbeitet der Chirurg als Oberarzt am Klinikum Neustadt am Rübenberge bei Hannover und lebt mit seiner Familie in der Landeshauptstadt. Die jährlichen Stellenausschreibungen des AWI für die Neumayer-Station III hatte er lange verfolgt. „Ich hatte das Abenteuer immer im Hinterkopf“, gesteht er. Den Ausschlag gab das Buch „Polarschimmer“, in dem die Ärztin Aurelia Hölzer ihre Erfahrungen als Stationsleiterin in der Antarktis schildert. „Ich habe meine Familie gefragt, was sie davon halten würde, wenn ich gehe.“
Familie im Rücken dank Internet
Seine Frau und seine beiden Töchter stimmten der Teilnahme zu. Über die gute Internetverbindung der Station hat Gerstmann regelmäßig Kontakt zu ihnen. „Ohne diese Möglichkeit hätte ich die Expedition nicht gemacht“, sagt er. Die 17-jährige Tochter steckt in der Endphase ihrer Schullaufbahn, die 22-jährige startet gerade ins Berufsleben. „Das ist eine Phase, in der man diskutieren könnte, ob man besser zu Hause wäre. Aber es passt für uns alle.“
Landschaft, Wale und Pinguine
Statt Hitze erlebt der Familienvater in der Antarktis Naturphänomene, die es sonst nirgendwo gibt. „Die Landschaft zu beobachten, ist wunderschön. Diese endlose Weite und die stundenlangen, kräftig bunten Farben in der Dämmerung vor der Polarnacht waren absolut überwältigend – fast noch schöner als Polarlichter“, schwärmt er. Auch die Tierwelt beeindruckt ihn. „Im Sommer sieht man schon mal einen Wal“, sagt Gerstmann. Robben und Pinguine sind ohnehin allgegenwärtig: Zehn Kilometer von der Station entfernt liegt eine Pinguinkolonie auf dem Meereis. „Als wir ankamen, konnten wir beobachten, wie die jungen Pinguine flügge wurden. Aktuell brüten die Männchen“, berichtet er.
Heimweh und Rückzug in die Bibliothek
Natürlich gibt es in der Gruppe auch Heimweh. Doch die Überwinterer aus ganz Deutschland und Österreich verstehen sich untereinander gut. Ein Vorteil der dunklen Jahreszeit: Derzeit hat jeder sein eigenes Zimmer. Rückzugsmöglichkeit bietet auch die „Bibliothek im Eis“, die der Künstler Lutz Fritsch vor mehr als 20 Jahren in einem Container 200 Meter von der Station eingerichtet hat. Rund 760 Bücher – vom großen Bildband bis zum Comic – stehen dort in den Regalen. Als Stationsleiter ist Gerstmann für die Bibliothek verantwortlich. „Einmal in der Woche kontrolliere ich, ob alles in Ordnung ist“, sagt er.
Der Container ist auffällig grün gestrichen – kein Zufall. „Diese Farbe gibt es in der Antarktis nicht. Somit erschien Grün mir als die Sehnsuchtsfarbe der Überwinterer“, wird Lutz Fritsch vom AWI zitiert. Gerstmann kann das bestätigen. Während des heimatlichen Frühlings habe er das sprießende Grün der Pflanzen vermisst. Und obwohl er die Kochkünste aus den verbliebenen Vorräten von Koch Richard Pozgaj sehr schätzt, würde der Hannoveraner am liebsten wieder einmal einen grünen Salat, frische Tomaten oder Erdbeeren essen.



