Besser zuhören: Warum es so schwer ist und wie es gelingt
Besser zuhören: Warum es schwer ist und wie es gelingt

Anderen aufmerksam zuzuhören, ist eine wertvolle Kompetenz, die in unserer schnelllebigen Zeit oft zu kurz kommt. Anja Schauberger hat über Wochen trainiert, besser zuzuhören, und erklärt, wie es uns trotz Ablenkungen und knapper Zeit besser gelingen kann. „Die meisten Menschen hören nicht zu, um zu verstehen, sondern um zu antworten“, sagte bereits Stephen R. Covey, Autor zahlreicher Selbsthilfe-Bücher. Dieses Phänomen ist aus dem privaten Umfeld, vom Arbeitsplatz und aus den Filter-Blasen der sozialen Netzwerke bekannt.

Selbstreflexion als erster Schritt

Um besser zuzuhören, müsse man selbstreflektiert anerkennen, dass hier noch Luft nach oben ist. „Am Anfang braucht man ehrliches Feedback von anderen“, sagt Anja Schauberger, die ihre Erfahrungen im Buch „Besser zuhören – Warum eine scheinbar einfache Sache doch so schwer ist“ zusammengefasst hat. Sie belegte beim Münchner Verein „Momo hört zu“ ein zehnwöchiges Online-Training im bewertungsfreien Zuhören. „Ich habe mich immer für eine ziemlich gute Zuhörerin gehalten“, sagt sie – bis ihr Freund ihr plötzlich das Gegenteil offenbarte. Das Training bestätigte ihn: „Es ist krass, wenn man sich in einem Gespräch komplett zurücknehmen soll, ohne mit Tipps und Ratschlägen dazwischen zu grätschen.“

Herausforderungen des Zuhörens

Es gibt viele Einflüsse, die das Zuhören erschweren. Informationen gehen im Grundrauschen unter, Zuhören erfordert Konzentration, die durch Tagesform oder Umgebungsgeräusche getrübt sein kann. Mangelndes Interesse ist ein weiterer Faktor. Unser Alltag wird immer schnelllebiger und die Aufmerksamkeitsspanne kürzer, da digitale Algorithmen das Gehirn darauf trainieren, ständig nach neuen Reizen zu verlangen. „Die sozialen Medien bringen nicht nur Gutes für uns als Gesellschaft“, glaubt Schauberger. Ständig überlege man, was man poste, wie man sich auf Instagram präsentiere und als Marke aufbaue. Gleichzeitig beobachte sie im Offline-Leben einen Rückzug ins Private. „Unser Leben ist sehr vollgepackt, da ist es völlig okay, mal Netflix einzuschalten und die Welt draußen zu lassen.“ Der Rückzug verenge aber auch Blickwinkel und die Kreise, in denen wir uns umgeben. Ihr Freundeskreis sei früher durchmischter gewesen, sagt Schauberger. Es werde kaum noch lebhaft diskutiert. „Lieber habe ich mal einen Abend, an dem ich mich kurz über jemanden aufrege oder jemandem widerspreche, damit fangen ja neue Gedanken an und auch eine Offenheit für eine andere Meinung.“

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Die „Krankheit unserer Zeit“

Wer zuhört, möchte manchmal auch gehört werden. Blöd, wenn einem dann ausgerechnet ein Mensch gegenübersitzt, der jedes Gespräch an sich reißt. „Es ist eine Krankheit unserer Zeit, dass wir alles, was wir hören, auf uns selbst beziehen“, sagt Schauberger. Wenn ein Gesprächspartner ein Thema kapere, um seine eigene Erfahrung damit zu schildern, könne man es mit einem charmanten Hinweis versuchen. „Ein Vorwurf wie ‚Hey, du hörst mir gar nicht zu!‘ bringt da wenig. Ich versuche in solchen Momenten, wieder auf meine Sache zurückzukommen.“ Bei Leuten, die einem nicht so nahestünden, könne das allerdings schwierig werden. „Ich finde es trotzdem wichtig, zu spiegeln, dass man sich nicht gehört fühlt.“

Empathie in politischen Diskussionen

Sich nicht gehört zu fühlen, führen manche Mitmenschen auch als Grund für extreme Wahlentscheidungen an. Wie sollen wir mit jenen umgehen, deren Ansichten uns vielleicht nicht sympathisch sind? „Es geht viel um Empathie, die uns etwas abhandengekommen ist“, sagt die Autorin. Wenn Menschen politisch ganz anders wählten als sie, wolle sie die Gründe verstehen. „Viele haben so eine Wut, aber dahinter stecken meistens andere Dinge, nämlich Angst, Sorge oder Traurigkeit.“ Diese Emotionen zu zeigen, sei schwieriger, als verärgert oder wütend zu sein und mit dem Finger auf andere zu zeigen. „Wenn wir ins Gespräch kommen und fragen: ‚Wovor hast du Angst?‘, dann könnte uns das wieder näher zusammenbringen.“

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Abgrenzung und Zeitmanagement

Wohl jede und jeder kennt Leute, die ausschweifend erzählen und jede Nebenhandlung und Person so detailliert ausschmücken, dass man irgendwann abschaltet oder laut rufen will: „Komm doch mal auf den Punkt!“ Ist ein schlechtes Gewissen angebracht, wenn man gedanklich schnell abdriftet? Nein, sagt Schauberger. Abgrenzung sei eine Voraussetzung für gutes Zuhören. „Solche Gespräche lassen sich beschleunigen, indem man fragt, was als nächstes passiert ist.“ Wenn sich Leute im Kreis drehen oder Dinge zu Ende erzählt seien, sei es völlig legitim, das Thema zu wechseln. „Man kann nicht immer einstecken, um andere nicht zu verletzen, schließlich ist auch die Zeit des Zuhörenden wertvoll.“

Closeness Communication Bias in Beziehungen

Am wenigsten verletzen wollen wir in der Regel die uns am nächsten stehenden Menschen – aber ausgerechnet denen hören wir laut Kommunikationsforschung am wenigsten aufmerksam zu. Grund dafür ist die Closeness Communication Bias: „Wenn wir jemanden schon länger kennen, gehen wir davon aus, dass wir genau wissen, was er oder sie gleich sagen wird.“ Dadurch höre man nicht so genau zu, erkläre aber auch selbst nicht mehr so gut. Unser Gehirn wolle sich dadurch Arbeit ersparen. „Wir sollten dagegen steuern, weil wir uns jeden Tag verändern, auch wenn wir zehn oder vierzig Jahre zusammen sind“, empfiehlt Anja Schauberger. Man könne sich abends hinsetzen und gegenseitig fünf Minuten vom Tag erzählen lassen, ohne dass der andere reagieren oder etwas sagen darf. „Das hilft dabei, aufeinander wieder neugierig zu werden.“