Hühnerzucht als Familienprojekt
Niklas ist elf Jahre alt und lebt mit seiner Familie auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein. Seit etwa sechs Jahren züchtet er gemeinsam mit seiner zehnjährigen Schwester Ina-Lena Rassehühner. Die Idee dazu kam von seinem Onkel Thomas, der Vorsitzender eines Rassegeflügelzuchtvereins ist. „Seitdem bringt mir Thomas alles bei, was ich über Hühnerzucht wissen muss“, erzählt Niklas.
Die Geschwister teilen sich die täglichen Aufgaben: Niklas gibt den Hühnern Wasser und sammelt die Eier ein – etwa 15 bis 20 Stück pro Tag. Ina-Lena füttert die Tiere. Die Hühner fressen Gemüsereste, Salatblätter, Kartoffelschalen und Äpfel. „Auf Wassermelonen fahren unsere Hühner richtig ab, sogar auf die Schale“, sagt Niklas. Am liebsten mögen sie Körner, die für sie wie Schokolade sind. Meistens bekommen sie jedoch Pellets, ein spezielles Futter mit allen wichtigen Nährstoffen.
150 Hühner und ein einäugiger Hahn
Die Familie hält rund 150 Hühner. Jedes Tier trägt einen nummerierten Ring am Bein, der wie ein Personalausweis fungiert. Die meisten Hühner haben keine Namen, aber ihr Lieblingshahn heißt Gustav – meistens nennen sie ihn „Einauge“, weil er sein zweites Auge durch eine Entzündung verloren hat. Mit sieben Jahren ist er der Älteste der Gruppe.
Täglich verbringen die Geschwister etwa eine Stunde mit der Hühnerpflege: füttern, Wasser bereitstellen und ausmisten. Abends gehen die Hühner von selbst in den Stall, wo sie auf Stangen schlafen. Unter jeder Stange befindet sich ein Kotbrett, das täglich abgekratzt wird. „Klingt eklig, ist aber nicht schlimm“, sagt Niklas. Einmal pro Woche kontrollieren er und seine Schwester den Gesundheitszustand jedes Huhns. Niklas untersucht das Tier, während Ina-Lena Notizen macht. Dabei achten sie auf Anzeichen von Milben oder Schnupfen, der den Kamm oft bläulich verfärbt.
Die Brutmaschine ersetzt die Henne
Niklas erklärt: „Viele denken, die Henne brütet das Ei aus. Aber der Bruttrieb ist bei Hühnern nur in manchen Monaten ausgeprägt, und nicht alle Rassen haben Spaß am Brüten.“ Deshalb verwenden sie eine Brutmaschine. Diese ermöglicht es, Dutzende Eier gleichzeitig und zu jeder Jahreszeit auszubrüten. Die Maschine wird auf 37,7 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von 45 bis 55 Prozent eingestellt. Die Eier werden gewendet, damit die Embryonen nicht an der Schale festkleben. Nach genau 21 Tagen schlüpfen die Küken. Kurz vor dem Schlupf wird die Luftfeuchtigkeit erhöht, um ein Festtrocknen zu verhindern.
„Zu beobachten, wie ein Küken schlüpft, ist super“, sagt Niklas. Die Küken sind direkt nach dem Schlupf glitschig und sehr zerbrechlich. Da sie ihre Körpertemperatur noch nicht selbst regulieren können, verbringen sie die ersten Tage unter einer Wärmelampe. Derzeit haben die Geschwister 108 Küken, die vor vier Wochen geschlüpft sind. Sie sind noch im Stall untergebracht, in einigen Wochen dürfen sie ins Freie. Das Küken-Gehege ist mit einem Netz überspannt, um sie vor Raubvögeln wie dem Habicht zu schützen.
Wettbewerbe und Schönheitspflege
Die Hühner von Niklas und Ina-Lena haben bereits viele Preise gewonnen, etwa beim Wettkrähen. Dabei zählt eine Jury, wie oft ein Hahn in einer Stunde kräht. Einer ihrer Hähne erreichte 108 Kräher – ein Rekord. Meistens nehmen sie an Rassegeflügelschauen teil, die wie Schönheitswettbewerbe für Hühner sind. Bewertet wird nach einem festgelegten Zuchtstandard: Farbe des Gefieders, Größe, Form des Kamms. „Die Zacken des Kamms müssen in gleichmäßigem Abstand zueinander stehen. Wenn nicht, nennt man das eine M-Zacke. Für so eine Fehlstellung kriegt ein Hahn null Punkte“, erklärt Niklas.
Vor den Schauen werden die Hühner einer speziellen Schönheitspflege unterzogen: Die Füße werden gewaschen, dann werden Öl oder Vaseline auf Füße, Kamm und Kehllappen aufgetragen, damit alles glänzt. „Zum Glück sind unsere Zuchthühner braun. Ich hätte keine Lust, ein weißes Huhn zu putzen“, sagt Niklas. Für jeden Sieg gibt es ein Ehrenband, manchmal auch einen Pokal oder eine Urkunde. Sein Traum ist es, in dieser Saison die deutsche Jugendmeisterschaft in Erfurt zu gewinnen.
Mehr als nur Preise
Niklas betont: „Trotzdem geht es beim Hühnerzüchten nicht nur um die Preise. Das Tolle daran ist die Zeit, die man mit den Tieren verbringt. Wenn ich genervt bin oder Stress in der Schule habe, gehe ich zu den Hühnern. Es fühlt sich beruhigend an, sie zu streicheln oder einfach zu beobachten.“ Die Familie hat kürzlich auch mit der Zucht von Wachteln begonnen. Niklas wünscht sich einen Taubenschlag, seine Schwester hätte lieber Enten. „Mal sehen, welche Tiere wir als nächste züchten“, sagt er.



