Katja kam vor vier Jahren mit ihrer Familie aus der Ukraine nach Deutschland. Alles war neu: die Sprache, die Stadt und die Schulklasse, in der sie anfangs niemanden kannte. Heute spricht die 13-Jährige gut Deutsch und besucht ein Gymnasium. Doch trotz aller Fortschritte bleibt ein Gefühl zurück: Sie vermisst es, nachmittags mit Gleichaltrigen spazieren zu gehen, zu quatschen oder zusammen Serien zu schauen. „Ich hätte gerne Freunde, die ich auch nach der Schule treffe“, sagt sie. „Aber es ist schwer, Freunde zu finden.“
Katja steht damit nicht allein. Eine aktuelle Studie der Universität Leipzig zeigt, dass Mädchen heute unzufriedener mit ihren Freundschaften und Freizeitaktivitäten sind als noch vor einigen Jahren. Besonders bei Mädchen mit Migrationsgeschichte hat die allgemeine Lebenszufriedenheit spürbar abgenommen. Die Ergebnisse werfen ein Schlaglicht auf ein Problem, das lange unterschätzt wurde: die soziale Isolation von Mädchen, insbesondere solchen mit Zuwanderungsgeschichte.
Fast 4800 Leipziger Jugendliche über 13 Jahre befragt
Für die Studie befragten die Forschenden zwischen 2010 und 2023 insgesamt fast 4800 Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren in Leipzig. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden regelmäßig zu verschiedenen Aspekten ihres Lebens interviewt, unter anderem zu Freundschaften, Freizeitgestaltung und allgemeiner Lebenszufriedenheit. Die über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren gesammelten Daten ermöglichen es, langfristige Entwicklungen zu erkennen und Unterschiede zwischen sozialen Gruppen zu analysieren.
Studienleiterin Julia Rohrer, Psychologin an der Universität Leipzig, fasst das zentrale Ergebnis zusammen: „Im Durchschnitt sind alle Jugendlichen gegenüber 2015 unzufriedener geworden, aber die Abnahme ist bei den Mädchen doppelt so stark wie bei den Jungen.“ Während Jungen demnach nur leichte Einbußen bei der Zufriedenheit hinnehmen mussten, fiel der Rückgang bei Mädchen deutlich gravierender aus. Besonders betroffen sind diejenigen mit Migrationshintergrund, deren allgemeine Lebenszufriedenheit überdurchschnittlich stark gesunken ist.
Mädchen mit Migrationsgeschichte stehen vor besonderen Herausforderungen
Die Studie zeigt, dass ausgerechnet die Gruppe, die ohnehin schon besondere Hürden überwinden muss, am stärksten unter fehlenden Freundschaften leidet. Neu zugewanderte Mädchen müssen sich nicht nur in einer fremden Sprache zurechtfinden, sondern auch in einem vollkommen neuen sozialen Umfeld. Der Schulalltag bietet zwar Kontaktmöglichkeiten, doch echte Freundschaften entstehen selten im Unterricht – sie brauchen Zeit, Vertrauen und gemeinsame Erlebnisse außerhalb des Klassenzimmers.
Die Leipziger Daten deuten darauf hin, dass hier gezielte Unterstützung nötig ist. Projekte, die Mädchen mit und ohne Migrationsgeschichte zusammenbringen, könnten ebenso helfen wie Mentoring-Programme oder offene Treffs. Auch Lehrkräfte und Schulsozialarbeit könnten stärker darauf achten, wer in der Klasse isoliert ist. Die Ergebnisse sind ein Auftrag an die Politik, nicht nur in schulische Förderung, sondern auch in soziale Teilhabe zu investieren.
Gründe für die wachsende Unzufriedenheit
Warum die Zufriedenheit ausgerechnet bei Mädchen so stark sinkt, lässt sich aus der Studie nicht abschließend beantworten. Als mögliche Ursachen werden soziale Medien, ein wachsender Leistungsdruck in der Schule und gesellschaftliche Erwartungen diskutiert, die besonders an Mädchen gestellt werden. Auch die Corona-Pandemie fällt in den Befragungszeitraum und könnte die Kontaktmöglichkeiten über Monate beeinflusst haben – wenn auch alle Jugendlichen gleichermaßen betroffen waren.
Bemerkenswert ist, dass sich die Werte bis zum Ende der Erhebung im Jahr 2023 nicht erholt haben. Der Rückgang ist also kein vorübergehender Effekt, sondern ein anhaltender Trend. Das unterstreicht die Bedeutung von Maßnahmen, die Jugendlichen helfen, soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen.
Für Katja bleibt die Hoffnung auf eine Freundschaft, die über den Unterricht hinausgeht. Sie wünscht sich, nachmittags mit Gleichaltrigen zu sein, zu reden, zu lachen oder gemeinsam Serien zu schauen. Die Studie der Universität Leipzig macht deutlich, dass es vielen Mädchen ähnlich geht – und dass dieses Problem ernst genommen werden muss, von Schulen, Politik und Gesellschaft. Denn Freundschaft ist kein Luxus, sondern ein Grundbedürfnis – gerade in jungen Jahren.



