Nach Berlin-Anschlag: Hunderttausende feiern bei CSD-Paraden
Nach Berlin-Anschlag: Hunderttausende feiern bei CSD

Eine Woche nach dem tödlichen Anschlag auf eine queere Veranstaltung in Berlin haben Hunderttausende Menschen in Hamburg und Amsterdam ein starkes Zeichen für Toleranz und gleiche Rechte gesetzt. Der Christopher Street Day (CSD) in Hamburg lockte trotz der jüngsten Terrornachrichten zehntausende Teilnehmende an, während in Amsterdam die traditionelle Canal Parade im Rahmen der World Pride Hunderttausende Besucher anzog. Beide Veranstaltungen standen unter dem Eindruck der Attacke, bei der ein Attentäter am vergangenen Samstag in Berlin eine Frau tötete und 31 Menschen verletzte.

Hamburg: Solidarität und ausgelassene Stimmung nach dem Schock

In Hamburg versammelten sich bereits am Vormittag Zehntausende Menschen nahe des U-Bahnhofs Lübecker Straße und zogen durch den Stadtteil St. Georg in Richtung Innenstadt. Die Veranstalter des Vereins Hamburg Pride rechneten am Samstag mit rund 250.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Polizei konnte zunächst keine offizielle Zahl nennen, meldete aber eine friedliche und ausgelassene Stimmung. „Es ist zu keinen Zwischenfällen gekommen“, sagte eine Sprecherin kurz nach dem Start der Demonstration.

60 Lastwagen dienten als fahrende Bühnen für Unternehmen, Vereine, Parteien und die Evangelische Kirche. Das diesjährige Motto lautete: „Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst!“ Unter den Mitmarschierenden befanden sich zahlreiche Politiker von SPD und Grünen, darunter die Grünenpolitikerin Ricarda Lang und SPD-Fraktionschef Matthias Miersch.

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Miersch nutzte die Gelegenheit, um Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) direkt anzusprechen: Er wünsche sich, dass auch der Kanzler ein Zeichen setze und künftig an einem CSD teilnehme. Der SPD-Fraktionschef betonte damit die Bedeutung der Veranstaltung als gesellschaftliches Bekenntnis zur Akzeptanz queerer Menschen.

Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen nach dem Terroranschlag

Die Hamburger Polizei hatte ihr Sicherheitskonzept nach dem Attentat von Berlin grundlegend überarbeitet. Wie die Behörden mitteilten, waren doppelt so viele Beamte im Einsatz wie bei der Demonstration im Vorjahr. Innensenator Andy Grote (SPD) zeigte sich vorab überzeugt: „Hamburg freut sich auf einen bunten und fröhlichen CSD und setzt damit ein klares Zeichen für Vielfalt und Zusammenhalt in unserer Stadt.“

Der islamistische Attentäter Abdul Ballout hatte in Berlin mit einem Auto mehrere Menschen angefahren und weitere vermutlich mit einer Machete attackiert. Eine Frau aus Polen starb, 31 Menschen wurden teils schwer verletzt. Der 21-jährige Täter wurde am Sonntagabend bei einem Polizeieinsatz erschossen. Die Ereignisse belasten die gesamte queere Gemeinde und führten bei vielen CSD-Veranstaltungen in Deutschland zu Gedenkminuten und Solidaritätsbekundungen.

Manuel Opitz, Sprecher von Hamburg Pride, erklärte, man wolle sich durch den Anschlag nicht einschüchtern lassen. „Wir als queere Community können uns in unserem Schmerz auf dem CSD gegenseitig Kraft geben“, sagte er. Gleichzeitig betonte er, dass die Demonstration ein öffentliches Bekenntnis zu einer offenen Gesellschaft sei – gerade in Zeiten, in denen LGBT-IQ-Menschen weltweit unter Druck gerieten.

Schweigeminute in Bonn und Bekenntnisse in Amsterdam

Auch in Bonn begann das Bühnenprogramm zum CSD am frühen Nachmittag mit einer Schweigeminute. Claudia Brenig, Vorstandsmitglied des Veranstalters Rheinqueer, richtete bewegende Worte an die Menge: „Ihr wisst alle, was in Berlin passiert ist. Das hat uns alle sehr geschockt.“ Sie fügte hinzu: „Wir sind heute auch in Gedanken bei den Opfern, bei der verstorbenen Frau und bei allen, die verletzt wurden und in Berlin traumatisiert wurden.“

In Amsterdam fand am Samstag die legendäre Canal Parade statt, bei der 80 bunt geschmückte Boote durch die Grachten fuhren. Sie war einer der Höhepunkte der diesjährigen World Pride, die erstmals in den Niederlanden ausgerichtet wird. Allein zum Amsterdamer Bootskorso wurden laut Veranstalter rund 500.000 Besucher erwartet. Auch im britischen Seebad Brighton und an weiteren Orten waren Paraden geplant.

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Der niederländische Ministerpräsident Rob Jetten rief junge LGBTIQ-Personen bei der Veranstaltung dazu auf, sich offen zu ihrer Identität zu bekennen. Ein Coming-out sei nicht einfach, „aber sobald man diesen Schritt gewagt hat, wird es nur noch besser“, sagte Jetten der Nachrichtenagentur ANP. Der 39-Jährige ist der jüngste Regierungschef der Niederlande und der erste, der offen homosexuell lebt. Er betonte, die Amsterdamer Parade sei ein großartiges Fest voller Freiheit und Spaß – zugleich aber auch ein Protest gegen Anfeindungen. „Das hat man beim Anschlag in Berlin letzte Woche gesehen“, so Jetten.

Weltweite Solidarität mit der queeren Gemeinschaft

Die mehrtägige World Pride gilt als das größte Event der weltweiten queeren Gemeinschaft und findet in diesem Jahr erstmals in den Niederlanden statt. Die Veranstaltungen in Hamburg, Bonn und Amsterdam sendeten ein deutliches Signal: Auch nach dem Terror von Berlin lassen sich die Menschen nicht einschüchtern. Die Polizei in Hamburg meldete keine Zwischenfälle, und die Stimmung blieb trotz der tragischen Ereignisse der vergangenen Woche überwiegend ausgelassen und friedlich.

Der Christopher Street Day erinnert an die Ereignisse im Juni 1969 in New York, als nach einer Razzia der Polizei in der Szenebar „Stonewall Inn“ ein Aufstand von Schwulen und Lesben begann. Hauptschauplatz der Straßenschlachten war die Christopher Street im Künstlerviertel Greenwich Village. Der CSD ist seitdem ein jährlicher Anlass, für gleiche Rechte und Sichtbarkeit zu kämpfen – ein Anliegen, das nach dem Anschlag von Berlin erneut traurige Aktualität gewonnen hat.