Genau eine Woche nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin haben sich in Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis rund 250 Menschen zu einer Demonstration für Toleranz und Demokratie versammelt. Der traditionell bunte Zug präsentierte sich in diesem Jahr in Schwarz – ein bewusst gewähltes Zeichen, das bereits vor den Ereignissen der vergangenen Woche geplant war. Die Polizei Südosthessen meldete einen ruhigen und friedlichen Verlauf; es seien keine Zwischenfälle bekannt geworden.
Ein Zeichen für Haltung und Stärke
Unter dem Motto „Charakter, Stärke, Demokratie“ hatten die Organisatoren bereits Wochen im Voraus dazu aufgerufen, überwiegend Schwarz zu tragen. Dies sei keine spontane Reaktion auf das Attentat in der Hauptstadt, sondern ein ausgearbeitetes Konzept, wie Veranstalter Steve Euler erklärte. Man habe sich vor einigen Monaten dazu entschlossen, um sich von anderen CSD-Veranstaltungen abzuheben. „Weil wir eben hier auch in einer anderen Gegend wohnen“, sagte Euler. Es sei weniger urban, und das Ziel sei, „die Gesellschaft mehr abzuholen“.
Die Farbe Schwarz habe dabei eine doppelte Bedeutung. „Uns kam die Farbe Schwarz deshalb in den Sinn, weil es eben nicht nur eine Trauerfarbe ist, wie man so denkt, sondern es ist eine Widerstandsfarbe“, führte der Veranstalter aus. Und weiter: „Wir möchten mit Schwarz auch ausdrücken, dass wir eben täglich unterdrückt werden, täglich übersehen werden.“ Natürlich gehe es jetzt auch um Trauer mit Blick auf den Anschlag in Berlin, das sei damals aber noch nicht absehbar gewesen. Trotzdem erhalte das Motto durch die Ereignisse eine zusätzliche, traurige Aktualität.
Reaktion auf den Anschlag von Berlin
Wie sehr die Stimmung unter den Teilnehmenden von dem Angriff in der Hauptstadt geprägt war, machte eine Demonstrantin in einem Interview deutlich. „Gerade nach dem, was letztes Wochenende da in Berlin passiert ist, dürfen wir uns nicht unterkriegen lassen. Wir müssen gerade jetzt extra stark sein, für unsere Rechte kämpfen und zeigen, dass wir da sind, sonst hat der Hass gewonnen“, sagte sie.
Die Frau lobte ausdrücklich den Mut der Menschen in ländlichen Regionen, sich öffentlich zu ihrer Identität zu bekennen. „Ich find's einfach toll, dass gerade auf dem Land Leute sich zeigen, sich nicht einschüchtern lassen, sondern zeigen, auch hier gibt es Queerness.“ Gerade in solchen Gebieten brauche es womöglich noch mehr Aufklärung als in großen Städten, fügte sie hinzu. Ihre Worte spiegeln die Erfahrung vieler queerer Menschen wider, die in ländlichen Räumen oft mit größeren Vorbehalten konfrontiert sind.
Die Veranstaltung in Schlüchtern hat damit eine doppelte Funktion: Sie ist Ausdruck von Selbstbewusstsein und zugleich ein stilles Gedenken an das Opfer des Anschlags in Berlin. Vor einer Woche war ein 21-jähriger islamistischer Attentäter namens Abdul B. mit einem Auto in eine Menschengruppe auf dem Berliner Kurfürstendamm gefahren. Anschließend attackierte er weitere Menschen vermutlich mit einer Machete. Eine Frau aus Polen kam ums Leben, 31 Menschen wurden verletzt. Der Angreifer wurde am Sonntagabend bei einem Polizeieinsatz erschossen, als er festgenommen werden sollte.
Historische Wurzeln des Christopher Street Day
Der Christopher Street Day erinnert an die Ursprünge der LGBTQ-Bewegung. Sie begann in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969, als die Polizei in New York eine Razzia in der Szenebar Stonewall Inn durchführte. Daraufhin kam es zu mehrtägigen Aufständen von Schwulen, Lesben und Transgender-Personen gegen Polizeigewalt und Diskriminierung. Hauptschauplatz der Straßenschlachten war die Christopher Street im Künstler-Viertel Greenwich Village – namensgebend für die weltweiten CSD-Veranstaltungen bis heute. Was 1969 als spontane Revolte begann, hat sich zu einer internationalen Demonstration für Gleichberechtigung und Sichtbarkeit entwickelt.
Die Veranstalter in Schlüchtern sehen durch den Anschlag in Berlin die Notwendigkeit solcher Demonstrationen unterstrichen. Die Teilnahme von rund 250 Menschen – trotz der düsteren Ereignisse – werten sie als ein Signal, das über die Region hinaus Strahlkraft entwickeln kann. Wie Euler betonte, gehe es nicht nur um ein einmaliges Event, sondern um eine Haltung, die im Alltag Bestand habe. Das Motto „Charakter, Stärke, Demokratie“ sei dafür der passende Rahmen.



