Ebola-Einsatz im Kongo: Tagebuch eines Arztes von Ärzte ohne Grenzen
Ebola-Tagebuch: Arzt berichtet aus DR Kongo

Thomas Pärisch, ein deutscher Arzt, war sechs Wochen lang für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) in der Demokratischen Republik Kongo im Einsatz gegen das Ebola-Fieber. Für den Tagesspiegel führte er ein Tagebuch über die bedrohliche Lage im Rebellengebiet von Süd-Kivu, den schwierigen Kampf um das Vertrauen der Bevölkerung und die emotionalen Momente der Hoffnung.

Prolog in Berlin: Die Entscheidung zur Hilfe

Als die Anfrage für den Notfalleinsatz eintraf, stand für Pärisch schnell fest, dass er erneut helfen wollte. Bereits 2014 war er während des schweren Ausbruchs in Westafrika für MSF tätig. Nach Rücksprache mit seiner Frau, selbst Ärztin, organisierten sie die Betreuung der beiden kleinen Kinder. Verwandte sprangen ein, um den Familienalltag zu stemmen.

Ankunft in Ruanda und die „No Touch Policy“

Nach einem Vorbereitungskurs in Brüssel flog Pärisch nach Kigali, Ruanda. Am Abend traf er eine Freundin – eine lange Umarmung zum Abschied, denn in den nächsten vier Wochen galt die strikte „No Touch Policy“. Körperkontakt war verboten, um eine Übertragung des Ebola-Virus über Körperflüssigkeiten zu vermeiden. „Kein Händeschütteln, keine Umarmung, nicht mal einen Kugelschreiber weiterreichen“, beschreibt er die Regeln.

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Über die Grenze in die DR Kongo

Am 5. Juni erreichte Pärisch die Grenze zur DR Kongo bei Rusizi. Die Brücke war für den regulären Verkehr gesperrt, der Übergang fast menschenleer. Auf kongolesischer Seite kontrollierten Rebellen der M23 den Grenzposten. In Bukavu, der Hauptstadt von Süd-Kivu, wurde er vom MSF-Team empfangen. Die Sicherheitslage war angespannt, viele Banken geschlossen – dennoch ging das alltägliche Leben weiter.

Das Behandlungszentrum in Lwiro

In Lwiro, 40 Kilometer nördlich von Bukavu, hatte MSF ein bestehendes Krankenhaus in ein Ebola-Behandlungszentrum mit 35 Betten umfunktioniert. Pärisch übernahm die Rolle des medizinischen Teamleiters: Er schulte das Personal, begleitete Visiten und stellte die Behandlungsqualität sicher. Ein Gebäudeflügel war als „Zone haute-risque“ abgetrennt, nur mit vollständiger Schutzausrüstung betretbar.

Vertrauen der Bevölkerung – eine Herausforderung

„Jeder und jede Überlebende ist ein positiver Botschafter für unsere Hilfe“, betont Pärisch. Das Vertrauen in die Notfallmaßnahmen sei nicht selbstverständlich. Im Osten der DR Kongo seien bereits Einrichtungen angezündet oder demoliert worden. Viele Menschen misstrauten dem Gesundheitssystem, manche hielten das Ebola-Virus für eine Erfindung. „Allein, wie wir in unseren Schutzanzügen aussehen, kann bei Menschen, denen das fremd ist, Angst auslösen“, erklärt er. Deshalb setze MSF auf Aufklärungsteams in den Dörfern.

Sicherheitslage: Schüsse und Ruhe

Am 8. Juni hörte Pärisch zum ersten Mal Schüsse in der Nähe des Behandlungszentrums. Das Knattern von Maschinengewehren näherte sich, doch die kongolesischen Kollegen blieben ruhig: „Das ist die Musik des Kongos“, scherzten sie. Der MSF-Koordinator wies an, das Zentrum geordnet zu verlassen. Am nächsten Tag konnten sie wegen der Sicherheitslage nicht nach Lwiro fahren – Pärisch betreute stattdessen das kleinere Zentrum in Bukavu.

Behandlung unter Extrembedingungen

Am 13. Juni visitierte Pärisch mit einem kongolesischen Arzt die schwersten Patienten. Diese waren bettlägerig, litten unter Erbrechen und Durchfall, verloren viel Körperflüssigkeit. Dank eines mobilen Labors lagen Testergebnisse binnen ein bis drei Tagen vor. Das Buddy-System – ähnlich wie beim Tauchen – sorgte dafür, dass die Schutzmaßnahmen eingehalten wurden. „Wenn man sich an das Schutzprotokoll hält, ist das Ansteckungsrisiko sehr gering“, so Pärisch. Dennoch blieben die Schießereien eine Belastung.

Die Hitze der Trockenzeit

Am 18. Juni herrschte Trockenzeit – in den Isolierzelten stiegen die Temperaturen auf über 30 Grad. Pärisch und seine Kollegin aus Spanien führten eine neue Form der Morgenbesprechung ein, um die Hierarchien aufzubrechen und Fehler offen zu kommunizieren. Im Schutzanzug wurde die Arbeit zur Qual: „Man hält es nicht länger als eine Stunde durch“, schreibt er.

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Entlassung und „Happy Shower“

Am 19. Juni wurde eine geheilte Patientin mit einer großen Zeremonie entlassen. Gut 200 Menschen waren vor Ort, darunter sogar der Gouverneur. Die Patientin selbst wirkte überwältigt. Das „Ausschleusen“ war ein aufwendiger Prozess: Dekontamination der persönlichen Gegenstände, Desinfektion der Zimmer, dann die Dusche – von vielen als „Happy Shower“ bezeichnet. Danach erhielten die Patienten neue Kleidung und ein „Kit de sortie“ mit Hygieneartikeln und Lebensmitteln.

Rückschläge und Geduldsproben

Am 20. Juni sollten sechs Patienten entlassen werden, doch bürokratische Hürden und ein ungeduldiger Krankenwagenfahrer führten dazu, dass nur zwei tatsächlich gingen. Die restlichen Entlassungen wurden auf Montag verschoben. Zudem hatte der Landcruiser eine Reifenpanne – der Fahrer wechselte den Reifen in 15 Minuten.

Glück in Süd-Kivu

Trotz der Schwierigkeiten schätzte Pärisch sich glücklich: In Süd-Kivu gab es nur wenige bestätigte Fälle, und die Kontaktnachverfolgung funktionierte gut. „Menschen werden großzügig in Quarantäne genommen, und diese Vorsicht zahlt sich aus“, notierte er. Von Kollegen aus anderen Regionen hörte er von weit höheren Fallzahlen.

Ein fünfjähriges Kind und die Schattenseiten

Am 24. Juni kam unangekündigt ein fünfjähriges Kind mit seiner Mutter ins Zentrum – beide waren in einem ungeschützten Privat-PKW transportiert worden. Der Fahrer trug nur einen Mund-Nasen-Schutz. Glücklicherweise bestätigte sich der Verdacht nicht. Pärisch erlebte die extreme Armut der Bevölkerung, aber auch gut gesicherte Supermärkte mit Importwaren. Ein Einheimischer sagte zu ihm: „Unser Leben ist verpfuscht. Ihr könnt in Deutschland wirklich verdammt froh sein, dass es euch so gut geht und ihr eine funktionierende Staatsordnung habt.“

Rückkehr und Nachwirkungen

Am 2. Juli reiste Pärisch zurück. Die Grenzüberquerung nach Ruanda dauerte eineinhalb Stunden, verlief aber problemlos. In Berlin angekommen, spürte er die Gegensätze zwischen seinem Familienleben und dem Einsatz. „First world problems“ gingen ihm durch den Kopf. Die Fallzahlen in der DR Kongo stiegen weiter – mehr als 1400 MSF-Mitarbeiter waren im Einsatz. „Tag für Tag erleben sie menschliche Schicksale aus nächster Nähe“, schrieb Pärisch. „All das hinterlässt Spuren. Doch gerade in Krisen wie dieser zeigt sich, wie viel bewirkt werden kann, wenn Menschen über Kontinente hinweg Verantwortung füreinander übernehmen.“