Hitze und Medikamente: Diese Wirkstoffe heizen den Körper auf
Hitze & Medikamente: Diese Wirkstoffe heizen auf

Bei 38 Grad im Schatten muss der menschliche Körper Schwerstarbeit leisten, um die Körpertemperatur zu halten. Schwitzen, Wasserverlust, erweiterte Blutgefäße und ein schnellerer Herzschlag sind die Folge. Doch was viele nicht wissen: Bestimmte Medikamente können die Hitzebelastung zusätzlich erhöhen – darunter häufig verschriebene Präparate wie Blutdrucksenker, Schilddrüsenhormone, Antidepressiva und sogar rezeptfreie Schmerzmittel wie Ibuprofen. Auf den Packungsbeilagen sucht man entsprechende Warnhinweise jedoch meist vergebens.

„Auch bei den meisten Ärzten besteht noch Nachholbedarf, denn historisch gesehen war das bisher kein Thema“, sagt Roland Seifert, Direktor des Instituts für Pharmakologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pharmakologie. Die Klimakrise rückt das Thema nun zunehmend in den Fokus. Allerdings gibt es keinen Grund zur Panik. „Auf keinen Fall sollten Patienten eigenmächtig ihre Medikamente absetzen oder die Dosis reduzieren“, betont Seifert. Oft reichten einfache, aber wirksame Maßnahmen aus, um einer Überhitzung vorzubeugen.

Entwässerungsmittel: Wenn dem Körper die Flüssigkeit fehlt

Viele Arzneistoffe zur Behandlung von Bluthochdruck und Herzschwäche fördern die Ausscheidung von Flüssigkeit und Elektrolyten. Mediziner nennen diese Wirkstoffe Diuretika. Bei Hitze, wenn der Körper durch Schwitzen ohnehin Wasser verliert, können entwässernde Medikamente das Austrocknen gefährlich verstärken und zu vielfältigen Komplikationen führen. „Zunächst fehlt Flüssigkeit in den Gefäßen, das führt zu Blutdruckregulationsstörungen – Betroffenen wird schwindelig, im schlimmsten Fall fallen sie um“, erklärt Seifert.

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Als Nächstes verlieren auch die Zellen in den Geweben Flüssigkeit, wobei Herz und Gehirn am anfälligsten sind. Herzrhythmusstörungen, Benommenheit, Schwarzsehen bis zur Ohnmacht können die Folge sein. Hinzu kommt, dass das Blut eindickt, wodurch das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt steigt. Häufig verschriebene Diuretika sind Hydrochlorothiazid und Torasemid. Letzteres wird als stark entwässerndes Schleifendiuretikum eingesetzt und erfordert bei Hitze besondere Aufmerksamkeit.

Medikamente, die das Schwitzen unterbinden

Manche Medikamente hemmen das Schwitzen. Dabei spielen Eiweiße auf den Zellen der Schweißdrüsen, die sogenannten Muskarinrezeptoren, eine zentrale Rolle. Sie empfangen vom Nervensystem den Botenstoff Acetylcholin und lösen daraufhin die Schweißproduktion aus. Medikamente mit antimuskarinerger Wirkung blockieren diesen Mechanismus und drosseln so die Fähigkeit des Körpers, Wärme abzugeben – es kommt zum Hitzestau.

„Das Problem ist, dass die antimuskarinergen Wirkungen in vielen Medikamenten versteckt sind, von denen man das primär gar nicht vermutet“, sagt Seifert. Beispielsweise im Wirkstoff Scopolamin, der bei Reiseübelkeit eingesetzt wird. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA warnte bereits vor Überhitzungsfällen durch Scopolamin-Pflaster. Auch krampflösende Mittel gegen Darm- und Blasenkoliken (Butylscopolamin), Asthmamedikamente (Tiotropium) und Antihistaminika (Dimenhydrinat, Clemastin) können das Schwitzen hemmen.

Oft übersehen wird die schweißhemmende Wirkung bestimmter Antidepressiva. „Man denkt, Psychopharmaka wirken nur im Kopf. Das stimmt gar nicht – sie wirken im ganzen Körper“, betont der Pharmakologe. Insbesondere der Wirkstoff Amitriptylin, der bei schweren Depressionen und Angststörungen eingesetzt wird, birgt das Risiko eines Hitzestaus.

Von innen angeheizt: Serotonin und Schilddrüsenhormone

Serotonin kurbelt im zentralen Nervensystem die Wärmeproduktion an. Medikamente, die die Serotoninwirkung verstärken, heizen den Körper zusätzlich von innen an. Betroffen sind vor allem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wie Citalopram und Sertralin, die bei leichten bis mittelschweren Depressionen und Angststörungen häufig verschrieben werden. Auch das Schmerzmittel Tramadol, das oft bei stärkeren Schmerzen angewendet wird, kann zur Überhitzung führen. Vorsicht ist ebenso bei Triptanen wie Sumatriptan bei akutem Migräneanfall geboten.

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Schilddrüsenhormone steuern den Stoffwechsel. Wird aufgrund einer Unterfunktion des Organs zu viel des Hormons zugeführt, kurbelt das den Stoffwechsel an – und damit die Wärmeproduktion von innen. Auch Menschen mit Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) sind gefährdet. Bei Hitze addiert sich diese Belastung zur äußeren Wärme. „Patienten, die eine Schilddrüsenerkrankung haben, sollten darauf achten, dass sie sich im Normalbereich (Euthyreose) befinden“, rät Seifert. Ein erhöhter Puls und Schwitzen seien Hinweise auf eine erhöhte Schilddrüsenfunktion.

Kreislauf und Blutdruck: Betablocker und Kalziumkanalblocker

Betablocker wie Bisoprolol und Metoprolol verengen in höherer Dosierung die Blutgefäße, wodurch weniger Wärme über die Haut abgegeben werden kann. Seifert hält diesen Effekt jedoch für vernachlässigbar: „Betroffen sind meist nur Finger und andere periphere Bereiche.“ Das eigentliche Problem sei, dass Herz-Kreislauf-Medikamente generell Herzleistung und -frequenz drosseln. Wenn der Körper bei Hitze die Durchblutung hochfahren müsste, um Wärme abzuführen, werde er durch die Medikamente gebremst. Das Problem sei insgesamt aber überschaubar: „Ich habe bisher weder Fachartikel über massenhafte Fälle noch entsprechende BfArM-Meldungen gesehen.“

Kalziumkanalblocker wie Amlodipin und Lercanidipin dienen zur Therapie von Bluthochdruck, indem sie die Gefäße erweitern. Da Wärme die Gefäßerweiterung ohnehin fördert, können sich die Effekte addieren – der Blutdruck sackt ab, Patientinnen und Patienten kollabieren.

Partydrogen und Schmerzmittel als Risikofaktoren

Kokain, Amphetamin und Ecstasy stimulieren den Sympathikus beziehungsweise schütten Serotonin im Gehirn aus – das kurbelt den Kreislauf an und steigert die Wärmeproduktion erheblich. Kommt intensives Tanzen in heißen Clubs oder auf Festivals hinzu, kann das schnell zur Überhitzung führen. „Auch junge, gesunde Menschen sind gefährdet, und es sind sogar Todesfälle berichtet worden“, warnt Seifert.

Ibuprofen senkt zwar die Körpertemperatur, kann bei Hitze aber die Durchblutung der Nieren beeinträchtigen und so den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt stören. Bekannt ist zudem ein problematischer Einsatz im Breitensport. „Wer sich mit einem kaputten Knie für einen Marathon bei 40 Grad mit Ibuprofen präpariert, geht ein reales Risiko ein“, warnt Seifert. Wer Medikamente einnehme, sollte deshalb bei Hitzewellen besonders auf seinen Körper achten, ausreichend trinken und bei Warnsignalen ärztlichen Rat suchen – ohne jedoch eigenmächtig die Therapie zu ändern.