Hitzetelefon für Senioren: Deutschland hinkt hinterher
Während in Frankreich und Österreich bereits etablierte Hitzetelefone ältere Menschen vor den Gefahren extremer Hitze warnen, kommt ein vergleichbarer Service in Deutschland nur schleppend voran. Das berichtet die Journalistin Julia Koch in einem Artikel des Spiegel. Der Anrufservice soll vor allem alleinlebende Senioren erreichen, die bei hohen Temperaturen besonders gefährdet sind.
Wie das Hitzetelefon funktioniert
Das Prinzip ist einfach: Bei Hitzewellen werden ältere Menschen automatisch angerufen und an ausreichendes Trinken, kühle Aufenthaltsorte und Sonnenschutz erinnert. „Viele gaben an, dass sie durch regelmäßige Hinweise tatsächlich mehr tranken als üblich“, zitiert Koch eine Studie aus Frankreich. Der Service wird dort von den Kommunen oder Gesundheitsämtern organisiert und hat nachweislich die Zahl der hitzebedingten Krankenhauseinweisungen reduziert.
Warum Deutschland zögert
Trotz der Erfolge in anderen Ländern tun sich deutsche Städte und Landkreise schwer, flächendeckende Hitzetelefone einzurichten. Als Hürden gelten Datenschutzbedenken, hohe Kosten und die Frage der Zuständigkeit. „Es hapert an der Finanzierung und an einer klaren gesetzlichen Grundlage“, erklärt ein Gesundheitsexperte. Dabei fordern Seniorenverbände seit Jahren einen Ausbau solcher Warnsysteme. Allein in Deutschland leben rund sechs Millionen Menschen über 80 Jahre, viele davon ohne regelmäßige soziale Kontakte.
Vorreiter Frankreich und Österreich
Frankreich startete das Hitzetelefon bereits nach der verheerenden Hitzewelle 2003, bei der über 15.000 Menschen starben. Seitdem werden jedes Jahr tausende Senioren aktiv kontaktiert. Österreich führte das System 2015 ein und verzeichnet seither einen Rückgang hitzebedingter Todesfälle. „Die persönliche Ansprache ist entscheidend – ein reiner Wetterbericht reicht nicht“, betont eine Sprecherin des österreichischen Gesundheitsministeriums.
Pilotprojekte in Deutschland
Einige Städte testen das Hitzetelefon derzeit als Pilotprojekt. Im baden-württembergischen Stuttgart werden etwa 500 Senioren regelmäßig von geschulten Ehrenamtlichen angerufen. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend: 80 Prozent der Teilnehmer gaben an, ihr Trinkverhalten verbessert zu haben. Doch eine Finanzierung über das Pilotprojekt hinaus ist ungewiss. Die Kommunen fordern daher mehr Unterstützung von Bund und Ländern.
Handlungsbedarf bei Hitzewellen
Angesichts des Klimawandels werden Hitzewellen in Deutschland häufiger und intensiver. Der Deutsche Wetterdienst rechnet mit zunehmenden extremen Hitzetagen. Für ältere Menschen sind diese besonders gefährlich: Sie schwitzen weniger, ihr Durstgefühl lässt nach und oft nehmen sie Medikamente, die die Flüssigkeitsbilanz beeinflussen. Ein Hitzetelefon könnte hier nicht nur Leben retten, sondern auch das Gesundheitssystem entlasten. „Jeder vermiedene Krankenhausaufenthalt spart Kosten und schont die Kliniken“, so ein Gesundheitsökonom.
Bislang fehlt jedoch der politische Wille, den Service bundesweit einzuführen. Während in Frankreich und Österreich das Hitzetelefon längst zur Routine gehört, fristet es in Deutschland noch immer ein Nischendasein. Dabei belegen Studien klar den Nutzen: Anrufe mit konkreten Verhaltenstipps senken das Risiko von Hitzeschäden deutlich. Seniorenverbände appellieren an die Politik, endlich zu handeln – bevor die nächste extreme Hitzewelle kommt.



