Masernimpfpflicht: Ärzte gegen AfD-Vorstöße – Eltern wandern aus
Masernimpfpflicht: Ärzte gegen AfD – Eltern wandern aus

Die Diskussion um die Masernimpfpflicht in Deutschland gewinnt an Schärfe: Während die AfD im Bundestag die Abschaffung der Nachweispflicht fordert, verteidigen Ärzteverbände das Masernschutzgesetz und warnen vor den Folgen einer Rücknahme. Ein Kinderarzt berichtet sogar von Eltern, die wegen der Pflicht auswandern.

Was das Masernschutzgesetz vorschreibt

Seit März 2020 müssen alle Kinder vor der Aufnahme in eine Kita oder Schule sowie alle Mitarbeiter in Gemeinschaftseinrichtungen, medizinisches Personal und Tagespflegepersonen eine Masern-Immunität nachweisen. Das kann durch eine zweifache Impfung oder eine durchgemachte Infektion erfolgen. Bei Verstößen drohen Bußgelder bis zu 2500 Euro, bei Wiederholung auch mehrfach.

Da in Deutschland Schulpflicht herrscht, wirkt das Gesetz de facto wie eine Impfpflicht für Kinder. Die Impfquoten sind seit Einführung gestiegen, aber noch nicht ausreichend: Laut Nicola Buhlinger-Göpfarth, Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, waren 2024 nur 78 Prozent der Kinder nach 24 Monaten vollständig gegen Masern geimpft. „Das ist und bleibt zu wenig“, sagt sie.

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AfD will Impfpflicht kippen

Im Juli brachte die AfD-Fraktion einen Antrag in den Bundestag ein, der die Aufhebung bestehender Impfpflichten fordert, um „das grundgesetzlich geschützte Recht auf körperliche Unversehrtheit sowie das Elternrecht zu wahren“. Zudem verlangt die Partei eine Untersuchung des Masernimpfstoffs auf Wirksamkeit, schwere Nebenwirkungen und Langzeitfolgen.

Gordon Köhler, Sozialexperte der AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt, kritisiert die Berichterstattung: „Die Diskussion um die Masernimpfpflicht erinnert stark an die Corona-Zeit und die in Teilen fehlende journalistische Sorgfalt.“ Er bezieht sich auf einen Bericht der „Tagesschau“, die von drei Toten in den USA im Jahr 2026 gesprochen habe, während die CDC für 2026 keine und für 2025 drei Tote ausgewiesen habe.

Ärzte halten dagegen

Die Ärzteverbände sehen die Entwicklung in den USA als Warnung: Dort sind die Masernfälle auf den höchsten Stand seit 35 Jahren gestiegen, nachdem Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. die Impfung mit Autismus in Verbindung gebracht hatte – eine Ansicht, die das Robert-Koch-Institut als „fake news“ bezeichnet. Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), betont: „Tatsächlich sehen wir in letzter Zeit aufgrund der besseren Durchimpfungen weniger Masernfälle. In Berlin gab es dieses Jahr noch gar keine Masern, was extrem erfreulich ist.“

Er verweist auf den Zusammenhang zwischen sinkender Impfquote und steigender Erkrankungsrate: „Deutlich wird auch, dass alle Todesfälle und schweren Erkrankungen nur Ungeimpfte treffen.“ Buhlinger-Göpfarth ergänzt: „Von daher wäre eine Rücknahme aus unserer Sicht absolut nicht zu verantworten.“

Kinderarzt berichtet von Auswanderung

Till Reckert, Kinderarzt aus Reutlingen und Sprecher des Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte in Baden-Württemberg, trägt die offizielle Linie mit, äußert aber auch Kritik: „Wenn Menschen sich impfen lassen, die das nicht wollen, es aber müssen, schwächt das den Impfgedanken und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die AfD fischt erfolgreich in diesem Bereich.“

Er berichtet aus dem Praxisalltag: „Ich hatte Eltern, die deswegen in impffreiere Länder ausgewandert sind. Und andere, die ihren Kindern deswegen den Kindergarten verweigert haben.“ Manche Eltern hätten ungeimpfte Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen gebracht, weil „nirgendwo die Umsetzung des Gesetzes 100 Prozent klappt“. Andere hätten versucht, „von irgendwoher dubiose Impfunfähigkeitsatteste“ zu erlangen.

Zahlen und Fakten zur Masernlage

2015 gab es in Deutschland 2465 Masernfälle, im vergangenen Jahr nur noch 234. Die WHO hätte Deutschland 2025 beinahe als masernfrei erklärt, aber die Impfquote von 95 Prozent bei der zweiten Dosis wurde verfehlt. Nur 10 von 30 europäischen Ländern haben eine Impfpflicht für Masern.

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Reckert beobachtet auch, dass Eltern nur die Pflichtimpfung durchführen lassen: „Ich habe auch Eltern erlebt, die zwar Masernimpfungen hätten machen lassen, aber alle anderen Impfungen nicht, weil diese ja nicht Pflicht seien.“ Die Debatte zeigt: Die Masernimpfpflicht bleibt ein umstrittenes Instrument – mit weitreichenden Folgen für Familien und Gesellschaft.