Eine neue Langzeitstudie aus den USA hat einen alarmierenden Zusammenhang entdeckt: Wer im mittleren Alter häufig fernsah, hatte rund 24 Jahre später messbar kleinere Gehirnregionen. Besonders betroffen waren Männer. Die Studie, die im Fachjournal „Alzheimer's & Dementia“ erschienen ist, deutet darauf hin, dass nicht die Dauer des Sitzens allein entscheidend ist, sondern vor allem, was man dabei tut.
Studie untersuchte 1712 Erwachsene
Das Forschungsteam wertete Daten von 1712 Erwachsenen aus der langjährigen US-amerikanischen ARIC-Studie aus. Zu Beginn Ende der 1980er-Jahre waren die Teilnehmenden im Durchschnitt Anfang 50 und nicht an Demenz erkrankt. Sie gaben an, wie häufig sie in ihrer Freizeit ferngesehen und wie viel sie während der Arbeit saßen – abgestuft von „selten“ bis „sehr oft“. Knapp ein Vierteljahrhundert später, als die Teilnehmenden im Mittel Mitte 70 waren, untersuchten die Forscher ihr Gehirn mit einem MRT.
Männer besonders betroffen
Dabei zeigte sich vor allem bei Männern ein auffälliger Zusammenhang: Männer, die früher sehr häufig ferngesehen hatten, besaßen später im Schnitt kleinere Volumina in mehreren Hirnregionen, darunter Bereiche, die bei Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen häufig früh verändert sind. Bei Frauen war dieser Zusammenhang deutlich schwächer oder statistisch nicht eindeutig. Zusätzlich fanden die Forschenden bei häufigen Fernsehzuschauern mehr sogenannte Veränderungen der weißen Hirnsubstanz. Diese erscheinen auf MRT-Bildern als helle Flecken und können auf Schäden an kleinen Blutgefäßen im Gehirn hindeuten. Solche Veränderungen treten im Alter häufiger auf und werden mit einem erhöhten Risiko für geistigen Abbau und Demenz in Verbindung gebracht.
Nicht jede Sitzpause ist gleich
Überraschend war ein weiteres Ergebnis: Menschen, die bei der Arbeit besonders viel saßen, hatten in mehreren Hirnbereichen größere Volumina und weniger auffällige Veränderungen als andere Teilnehmende. „Seit Jahren konzentrieren wir uns darauf, wie viel Menschen sitzen. Die Ergebnisse deuten aber darauf hin, dass auch wichtig ist, was sie während des Sitzens tun“, erklärt Studienautor David Raichlen von der University of Southern California. Fernsehen ist eine passive Tätigkeit, während sitzende Arbeit oft Lesen, Planen und Problemlösen erfordert – geistige Herausforderungen, die die sogenannte kognitive Reserve stärken könnten.
Geschlechterunterschiede überraschen
Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen überraschten das Forschungsteam. Natan Feter von der University of Southern California sagt: „Die Zusammenhänge zwischen Fernsehen und Hirnstruktur waren bei Männern viel stärker als bei Frauen.“ Möglich sei, dass Männer und Frauen ihre Sitzzeit unterschiedlich verbringen: Frauen könnten längere Sitzphasen häufiger unterbrechen, während Männer etwa Sportübertragungen oder Filme eher über längere Zeit am Stück ansehen. Auch hormonelle oder andere biologische Unterschiede könnten eine Rolle spielen, belegen lässt sich bisher jedoch keine dieser Erklärungen.
Einschränkungen der Studie
Die Zusammenhänge blieben bestehen, nachdem die Forscher unter anderem Alter, Bildung, Bluthochdruck, Diabetes, Körpergewicht und körperliche Aktivität statistisch berücksichtigt hatten. Das heißt jedoch nicht, dass Bewegung für das Gehirn unwichtig ist. Die Studie beweist nicht, dass häufiges Fernsehen die Veränderungen im Gehirn verursacht hat. Die Angaben zum Fernsehkonsum beruhten auf Selbstauskünften und wurden nicht in Stunden gemessen. Außerdem gab es zu Beginn keine MRT-Aufnahmen zum direkten Vergleich. Trotz dieser Einschränkungen spricht die Untersuchung dafür, bei langem Sitzen nicht nur an Bewegungspausen zu denken. Lesen, Rätseln oder Basteln fordern das Gehirn stärker als passives Fernsehen. Ob solche Gewohnheiten tatsächlich vor altersbedingten Veränderungen schützen, müssen weitere Studien zeigen.



