Ralph Siegels Koma-Albträume: Was das Gehirn wirklich erlebt
Ralph Siegels Koma-Albträume: Was das Gehirn erlebt

Nach mehreren Wochen im künstlichen Koma kämpft sich Ralph Siegel (80) ins Leben zurück. Gegenüber der BILD schildert er Albträume, die ihn bis in die Gegenwart verfolgen. Der Musikproduzent ist nicht allein: Zahlreiche Menschen erwachen aus dem Koma und berichten von unauslöschlichen Bildern – von Angst, fremden Welten, realistischen Gefühlen. Die Ursache dafür ist ein Gehirn, das während der Intensivbehandlung in einem Ausnahmezustand arbeitet.

Medikamente, Licht und Lärm: Das Gehirn auf der Intensivstation

Auf einer Intensivstation wirken viele Faktoren gleichzeitig. Der Körper ist im Kampf, während das Gehirn mit Beruhigungs- und Schmerzmitteln gedämpft wird. Der natürliche Schlafrhythmus gerät durcheinander, Tag und Nacht verschwimmen. Dazu kommen Stress, Beatmung, Geräusche und ungewohntes Licht. Diese Mischung kann Träume, Halluzinationen und wirre Erinnerungen begünstigen. Für viele Patienten entstehen auf diese Weise traumatische Erlebnisse, die im Traum stattfinden, sich aber völlig real anfühlen.

Fast 80 Prozent berichten von Traumerlebnissen

Wie verbreitet solche Erfahrungen sind, zeigt eine Studie mit ehemaligen Intensivpatienten: Fast acht von zehn Befragten gaben an, während ihrer Behandlung Traumerlebnisse gehabt zu haben. Viele beschrieben sie als lebensecht, fast die Hälfte verband sie mit negativen Gefühlen. Bemerkenswert ist, dass viele Betroffene nicht sicher zwischen einem normalen Traum, einer Halluzination und einem Delirium unterscheiden konnten. Für die Betroffenen war das Erlebte im Moment dennoch real – mitunter verstörender als jede Fiktion.

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Eine weitere Studie zu Wahn-Erinnerungen nach einer Intensivbehandlung brachte ähnliche Ergebnisse. Patienten schilderten etwa, dass sie gefesselt waren, in Käfigen lagen, erstickten oder sich in fremden Welten wiederfanden. Diese Erinnerungen waren für die Patienten überaus lebendig und angstbesetzt – und blieben häufig über Jahre hinweg bestehen.

Koma ist kein tiefer Schlaf

Medizinisch betrachtet ist das Koma die schwerste Form einer Bewusstseinsstörung. „Der Zustand des Komas ist ein sehr spannendes und noch wenig erforschtes Phänomen“, erklärt der Neurologe Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz. Der Facharzt betont, dass neue Studien darauf hindeuten, dass Koma-Patienten möglicherweise deutlich mehr aus ihrer Umgebung wahrnehmen, als lange angenommen wurde. Mit Hilfe von EEG- und MRT-Untersuchungen hätten Forscher zeigen können, dass manche Patienten auf Anweisungen wie „Bewegen Sie Ihre Hand“ im Gehirn reagieren, obwohl äußerlich keinerlei Bewegung sichtbar ist. Dieses Phänomen wird als „verborgenes Bewusstsein“ oder auf Englisch „covert consciousness“ bezeichnet.

„Wir wissen nicht genau, was die Patienten wirklich wahrnehmen“, sagt Prof. Kleinschnitz. Deshalb sei es wichtig, bei Visiten am Krankenbett mit Aussagen über die Prognose oder die Schwere der Erkrankung vorsichtig zu sein. Auch bei der Kommunikation mit Angehörigen sollte bedacht werden, dass der Patient möglicherweise mehr mitbekommt, als es den Anschein hat.

Warum manche Albträume erleben – und andere nicht

Die Frage, warum ein Mensch während des Komas solche Bilder entwickelt und ein anderer nicht, bleibt offen. Auch der genaue Zeitpunkt lässt sich oft nicht sicher bestimmen. Klar ist: Das Gehirn erhält im Ausnahmezustand nur Bruchstücke von Informationen und Reizen. Später versucht es, daraus eine sinnvolle Geschichte zu formen. Mal entsteht ein Traum, mal ein Albtraum – und manchmal eine Erinnerung, die stärker wirkt als jeder reale Traum.

Für Menschen wie Ralph Siegel bedeutet das: Die Erlebnisse, die sie während des Komas durchleben, sind mehr als bloße Einbildung. Sie sind das Produkt eines Gehirns, das unter extremen Bedingungen um Orientierung ringt.

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