Im Hochsicherheitssaal 237 des Hamburger Strafjustizgebäudes werden an diesem Mittwoch die Urteile gegen acht Mitglieder und Unterstützer der rechtsextremen Terrorgruppe „Letzte Verteidigungswelle“ (L.V.W.) erwartet. Der Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts verhandelt seit dem 5. März gegen die jungen Männer, denen schwerste Straftaten wie versuchter Mord und Brandanschläge auf Asylbewerberheime vorgeworfen werden.
Prozess gegen junge Neonazis: Vorwürfe und Anklagepunkte
Die Anklage des Generalbundesanwalts wirft den Beschuldigten vor, eine inländische terroristische Vereinigung gebildet zu haben. Drei von ihnen gelten als „Rädelsführer“. Die Tatvorwürfe umfassen versuchten Mord, versuchte Brandstiftung mit Todesfolge, die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, Verstöße gegen das Sprengstoffrecht sowie die Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen. Einer der Angeklagten war zur Tatzeit gerade 14 Jahre alt.
Die Gruppe verfolgte nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft das Ziel, mit Gewalt gegen Migranten und politische Gegner den Zusammenbruch des demokratischen Systems in Deutschland herbeizuführen. Ihre Ideologie war offen nationalsozialistisch geprägt: In Chatgruppen nannten sich die Mitglieder „Gauleiter“, „Propagandaminister“ oder gar „Führer“. Neue Mitglieder mussten Aufnahmeprüfungen bestehen, etwa Sachbeschädigungen oder Hakenkreuz-Schmierereien.
Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und Kulturhäuser
Die mutmaßlichen Taten spielten sich in Ostdeutschland ab. Am 23. Oktober 2024 sollen zwei Angeklagte ein Kulturhaus in Altdöbern (Brandenburg) in Brand gesetzt haben. Die Bewohner blieben durch Glück unverletzt, es entstand ein Schaden von über einer halben Million Euro. Die Tat wurde gefilmt, um andere Gruppenmitglieder zu ähnlichen Aktionen zu animieren.
Am 5. Januar 2025 feuerten zwei weitere Angeklagte Pyrotechnik auf eine Asylbewerberunterkunft in Schmölln, um einen Brand auszulösen. Zudem sprühten sie „Sieg Heil“ und ausländerfeindliche Parolen an die Hauswand. Ein geplanter Brandanschlag auf eine bewohnte Unterkunft in Senftenberg konnte durch Festnahmen verhindert werden.
Verfassungsschutz: Neue Subkultur mit Dynamik und Mobilisierungsfähigkeit
Die Sicherheitsbehörden waren von der schnellen Radikalisierung junger Neonazis überrascht. „Innerhalb kurzer Zeit ist eine Subkultur entstanden, der sehr dynamische und mobilisierungsfähige rechtsextremistische Gruppierungen zuzurechnen sind“, heißt es im aktuellen Jahresbericht des Verfassungsschutzes und beim Generalbundesanwalt. Ein Verfassungsschützer beschreibt das Phänomen als „Bomberjacke, plus TikTok“ – die Gruppen vernetzen sich vor allem online in Chatgruppen.
Die Sprache in den Chats ist von Gewaltfantasien geprägt: „Wir sind die Welle, die den Dreck aus dem Land spült.“ Dazu kommen satirische und rassistische Bilder, sogenannte Memes, oft mit Hitler im Zentrum. Die Angeklagten fühlten sich in ihren Messengerdiensten sicher, bis eine Journalistin undercover mitlas und später der Inlandsgeheimdienst die Überwachung übernahm.
Hamburg als Ort des Prozesses: Hintergründe
Keiner der Angeklagten stammt aus Hamburg, die Taten ereigneten sich in Ostdeutschland. Doch zwei der mutmaßlichen Rädelsführer lebten bis zu ihrer Festnahme in Mecklenburg-Vorpommern. Hamburg übernimmt per Vertrag die Staatsschutzverfahren für das Nachbarland. Die Öffentlichkeit war nur am ersten Verhandlungstag zugelassen – wegen des Jugendschutzes schloss die Richterin die Presse vom weiteren Verfahren aus.
Neben dem L.V.W.-Prozess wird in Saal 237 auch der „Block-Prozess“ verhandelt, was die besondere Bedeutung des Hochsicherheitssaals unterstreicht. Die Angeklagten schwiegen zum Prozessauftakt; bis auf einen befinden sich alle in Untersuchungshaft.
Sicherheitsbehörden reagieren: Razzien und steigende Zahlen
Seit mehr als einem Jahr schlägt der Staat zurück: Es gab Razzien, Festnahmen und Verfahren. Ein Anführer der Gruppierung „Deutsche Jugend Voran“ sitzt bereits in Haft. Die Sorge bleibt jedoch, dass sich junge Menschen klandestin in Chatgruppen radikalisieren, unbemerkt von den Behörden, deren Sensoren vor allem auf der Straße bei Demonstrationen oder Rechtsrock-Konzerten liegen. Erst langsam erhalten Ermittler mehr digitale Befugnisse.
Die jungen Neonazis verbinden sich zunehmend mit der etablierten Partei „Die Heimat“ (früher NPD) und deren Jugendorganisation „Junge Nationalisten“. Diese Mischung aus gewaltbereiten jungen Rechten und professionell organisierten Kadern gilt als besonders brisant.
Hamburger Zahlen: Anstieg rechtsextremer Gewalt
In Hamburg registrierte das Landesamt für Verfassungsschutz 2025 insgesamt 450 Personen aus dem rechtsextremistischen Milieu – 50 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten stieg laut Verfassungsschutzbericht 2025 von 150 auf 250. Auch die politisch motivierte Kriminalität nahm von 1350 auf 1517 Delikte zu, rechtsextremistische Gewalttaten von 116 auf 120.
Innensenator Andy Grote beschreibt das Erscheinungsbild der jungen Szene: „Skinheads, Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln, Bomberjacken – das Bild wie aus den 80er- oder 90er Jahren gibt es wieder.“ Gegen einzelne Mitglieder der Hamburger Jugendszene laufen polizeiliche Ermittlungsverfahren.



