Erschöpft, hungrig und um eine Illusion ärmer ziehen Tausende junger Männer zurück über die Grenze nach Marokko. Vor kaum zwei Tagen waren sie voller Hoffnung nach Ceuta gestürmt, der spanischen Exklave in Nordafrika. Schnell folgte die Ernüchterung: „Man hat uns gesagt, in Spanien würden wir aufgenommen. Das stimmte nicht“, hört man immer wieder aus den Reihen der Rückkehrer. Viele hatten geglaubt, sie würden in Ceuta registriert, in Aufnahmezentren gebracht und könnten anschließend auf das spanische Festland weiterreisen. Entsprechende Gerüchte hatten sich in den sozialen Netzwerken Marokkos rasant verbreitet.
Ein Zug der Enttäuschten
Männer mit zerrissenen Hosen, verschlissenen Turnschuhen, manche barfuß, andere mit bandagierten Beinen, schleppen sich schweigend zur Grenze zurück. Die wenigen Aufnahmeeinrichtungen Ceutas waren nach kurzer Zeit hoffnungslos überfüllt. Tausende mussten im Freien übernachten – in Parks, auf Gehwegen, an Stränden oder zwischen den Hügeln oberhalb der Stadt. Da zahlreiche Geschäfte, Bars und Supermärkte aus Sicherheitsgründen geschlossen blieben, konnten selbst jene kaum Lebensmittel kaufen, die Geld bei sich trugen.
„Wir gehen zurück, weil es nichts zu essen gibt“, erzählt ein junges Ehepaar aus Nordmarokko, das mit einer kleinen Tochter gekommen war. Ein Mann namens Mohammed ergänzt: „Man hat uns erzählt, wir bekämen Papiere für Spanien. Das war eine Lüge.“
Rückkehr in Rekordzeit
Nach Angaben des spanischen Innenministeriums waren bis Samstag mehr als 48.000 der geschätzt rund 50.000 Menschen, die seit Donnerstag irregulär in Ceuta eingetroffen waren, wieder nach Marokko zurückgekehrt. Keiner von ihnen durfte auf das spanische Festland weiterreisen. In Ceuta herrscht inzwischen eine angespannte Ruhe. Neue Grenzübertritte wurden nicht registriert. Die marokkanischen Sicherheitskräfte, die ihre Kontrollposten während des Massenansturms zeitweise weitgehend geräumt hatten, sichern inzwischen wieder die Grenzanlagen.
Tödliche Bilanz
Die Zahl der Todesopfer stieg im Laufe des Samstags auf 67, wie das spanische Innenministerium mitteilte. Sie ertranken beim Versuch, die wenigen Hundert Meter bis zur spanischen Küste schwimmend zurückzulegen. Es ist die tödlichste Migrationskatastrophe an dieser Grenze. Vor der Küste suchen Polizeitaucher weiter nach Vermissten und bergen immer wieder Leichen aus dem Wasser rund um den Grenzdamm.
Auf spanischer Seite zieht man erste Konsequenzen: Am Grenzdamm am Strand El Tarajal installieren Arbeiter eine rund 500 Meter lange Bojensperre. Sie soll künftig auch im Wasser eine deutlich erkennbare Grenzlinie markieren. Hintergrund ist ein Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens, wonach Migranten, die schwimmend nach Ceuta gelangen, nicht unmittelbar zurückgewiesen werden dürfen, weil sie keine physische Grenzanlage überwunden haben. Dieses Urteil, das Anfang Juli bekannt wurde, soll zum Massenansturm beigetragen haben – die meisten Menschen kamen übers Meer.
Spuren des Ausnahmezustands
Die Straßen Ceutas leeren sich langsam. Wo noch am Freitag Tausende orientierungslos umherirrten, kehrt langsam Alltag ein. Doch die Spuren sind sichtbar: Müllberge türmen sich auf Gehwegen und in Parks, leere Konservendosen, Joghurtbecher, Plastiktüten und Kleidungsreste liegen zwischen den Palmen. Reinigungstrupps versuchen, Ordnung herzustellen. Viele Geschäfte und Restaurants blieben auch am Samstag geschlossen.
Auch auf der marokkanischen Seite hinterließ die Massenbewegung Chaos. Tausende Rückkehrer strandeten in der Grenzstadt Castillejos und suchten dort nach Bussen oder Taxis in ihre Heimatorte. Aus Angst vor Ausschreitungen blieben auch dort zahlreiche Geschäfte geschlossen.
Politik zwischen Kooperation und Misstrauen
Die spanische Regierung wertet den Rückstrom als Zeichen dafür, dass die mit Marokko ausgehandelten Maßnahmen greifen. Madrid und Rabat hatten die schnelle Rückführung vereinbart. Ministerpräsident Pedro Sánchez vermeidet jede öffentliche Konfrontation mit Rabat, denn Spanien ist auf die Kooperation mit dem südlichen Nachbarn bei der Sicherung der EU-Außengrenze angewiesen. Statt Vorwürfe zu erheben, lobte er die wieder funktionierende Zusammenarbeit und machte Schleusernetzwerke für die Massenbewegung verantwortlich.
Warum es zu dem beispiellosen Ansturm kam, ist nicht vollständig geklärt. Nach Darstellung der Regierung nutzten Schleuser das Urteil des Obersten Gerichtshofs gezielt aus. In den sozialen Netzwerken Marokkos war daraus das Gerücht geworden, jeder, der schwimmend spanischen Boden erreiche, bekomme automatisch Aufenthaltspapiere. Dass sich innerhalb von 24 Stunden rund 50.000 Menschen auf den Weg machen konnten, lässt sich damit allein kaum erklären. In der spanischen Regierung wird intern eingeräumt, dass ein solcher Ansturm ohne die zumindest zeitweilige Passivität der marokkanischen Sicherheitskräfte kaum möglich gewesen wäre.
Manche Beobachter vermuten, dass die Eskalation von Marokko gewollt war. Die Führung des Königreichs bezeichnet Ceuta und die Schwesterstadt Melilla als „besetzte Gebiete“ und erhebt Anspruch auf die Territorien. Spanien weist das zurück und verweist darauf, dass beide Städte jahrhundertelang zu Spanien gehören. Sie sind Überreste der europäischen Kolonialpolitik und dienen Spanien als strategische Vorposten. Melilla wurde vor über 500 Jahren erobert, Ceuta fiel durch die Portugiesen im 16. Jahrhundert an Spanien. In beiden Garnisonsstädten leben jeweils annähernd 84.000 Einwohner, ein Drittel davon islamischen Glaubens. Die Wirtschaft der EU-Enklaven ist eng mit dem marokkanischen Nachbarn verflochten.



