Die Lage in der spanischen Enklave Ceuta bleibt angespannt: Obwohl die Behörden im Minutentakt Militär-Lkw zur Grenzübergangsstelle Tarajal schicken und Dutzende Migranten zurückführen, halten sich Schätzungen zufolge noch immer bis zu 5000 Migranten in der Stadt auf. Sie schlafen an Stränden, im Hafengebiet oder auf Industriebrachen, während die Aufnahmeeinrichtungen völlig überlastet sind, wie Bürgermeister Juan Jesús Vivas bestätigte.
Marokko nimmt nur eigene Staatsbürger zurück
Die Rückführungen betreffen vor allem marokkanische Staatsbürger, die unter Begleitung spanischer Sicherheitskräfte zurückgebracht werden. Für die Regierung in Madrid ein Zeichen, dass die Lage unter Kontrolle ist. Doch vor Ort zeigt sich ein anderes Bild, berichtet Antonio Sempere vom Axel Springer Global Reporters Network, zu dem auch BILD gehört. Migranten aus Ländern südlich der Sahara sitzen fest, denn Marokko verweigert laut Sicherheitskreisen die Rücknahme vieler anderer Afrikaner.
Für Spanien wächst damit das Problem: Tausende Menschen bleiben ohne Perspektive – weder untergebracht noch abgeschoben. Die beiden Aufnahmeeinrichtungen für Erwachsene und Minderjährige sind nach Angaben des Bürgermeisters völlig überlastet. Am Strand von Ceuta schlafen Hunderte Migranten unter Handtüchern und Decken, Augenzeugen berichten von Streit um Trinkwasser.
Schleuser bieten Jetski-Fahrten an
In dieser prekären Lage wittern Schleuser ein neues Geschäft: Nach Angaben der Polizei bieten kriminelle Netzwerke inzwischen teure Überfahrten mit Jetskis auf das spanische Festland an. Ermittler warnen vor einer neuen Fluchtroute über die Straße von Gibraltar. Die Überfahrten sind offenbar gut organisiert und werden über soziale Netzwerke beworben.
Der 25-jährige Senegalese Cesse Aliou beschreibt die Lage: „Wir sind sehr müde. Essen und Schlafen sind ein großes Problem.“ Er ist einer von vielen, die seit Tagen ausharren. Zudem kursieren Videos in sozialen Netzwerken, in denen einzelne Migranten mit früheren Haftstrafen in Europa prahlen. Die spanischen Behörden betonen allerdings ausdrücklich, dass es sich um Einzelfälle handele und die Aufnahmen nicht für die große Mehrheit der Migranten stünden.
Kinder in besonderer Not
Besonders dramatisch ist die Lage bei den Minderjährigen. Hunderte unbegleitete Kinder leben in Notunterkünften im Grenzgebiet Tarajal, viele verbringen den Tag jedoch weiter auf der Straße – auf der Suche nach Essen, Wasser oder einem sicheren Schlafplatz. Eine dauerhafte Versorgung durch Hilfsorganisationen gibt es nach Recherchen vor Ort nicht.
Ein besonders bewegender Moment spielte sich am Montag an der Grenze ab: Ein Junge brach in Tränen aus, als er erkannte, dass er nach Marokko zurückgebracht werden sollte. Er blieb schließlich unter dem Schutz des Spanischen Roten Kreuzes. Auch der Fall einer 16-Jährigen sorgt für Aufsehen: Eine Einwohnerin von Ceuta bat die Behörden, die Jugendliche in Schutz zu nehmen. Sie habe berichtet, von anderen Migranten sexuell missbraucht worden zu sein, und habe Angst davor, zurückkehren zu müssen.
Verteidigungsministerin verteidigt Militäreinsatz
Spaniens Verteidigungsministerin Margarita Robles verteidigte den massiven Militäreinsatz. Die Soldaten würden „so lange wie nötig“ in Ceuta bleiben. Zugleich forderte sie eine umfassende Aufklärung der Ereignisse. „Kinder dürfen nicht benutzt und in den Tod geschickt werden“, sagte Robles. Verantwortliche für die Grenzstürmung müssten zur Rechenschaft gezogen werden.
Die Situation in Ceuta bleibt damit eine humanitäre Herausforderung, die Spanien und die EU vor große Probleme stellt. Während die Regierung in Madrid die Rückführungen als Erfolg verbucht, zeigt sich vor Ort, dass die Krise noch lange nicht gelöst ist. Die Sperrung der Grenze und die verstärkten Patrouillen haben die Lage zwar etwas beruhigt, aber die Menschen in Ceuta brauchen dringend Unterstützung – und eine Perspektive.



