Nach dem beispiellosen Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta haben die Behörden eine 500 Meter lange schwimmende Barriere zwischen der marokkanischen Küste und dem Strand Tarajal installiert. Zusammen mit Bojen der spanischen Marine soll sie die Überwachung der Küste verstärken. Die Zahl der Toten, die bei den Überquerungsversuchen ums Leben kamen, ist unterdessen auf 72 gestiegen.
Fast alle Migranten kehrten zurück
In Ceuta selbst kehrt nach Angaben der spanischen Regierung weitgehend Normalität ein. Fast alle der 50.000 bis 60.000 Menschen, die innerhalb kurzer Zeit von Marokko in die abgeschottete Exklave gelangt waren, hätten die Stadt inzwischen wieder verlassen. Die Rückkehr erfolgte demnach freiwillig, nachdem sich für die Migranten kaum Aussichten auf eine Weiterreise in andere EU-Staaten ergeben hatten. In der Stadt, die nicht einmal 85.000 Einwohner zählt, fehlte es zudem an Unterkünften und Versorgung.
Die Behörden suchen derweil weiterhin im Meer vor Ceuta nach Leichen. Nach Informationen der spanischen Zeitung „El País“ bereiten die Verantwortlichen eine Einrichtung vor, um bis zu 200 Tote aufbahren zu können. Die Zahl der bestätigten Todesfälle stieg am Sonntag auf 72.
Wadephul: „Absoluter Stresstest“ für Europa
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) forderte die EU-Kommission auf, dem Schutz der Außengrenzen „absolute Priorität“ einzuräumen. „Die Lage in Ceuta in den vergangenen Tagen war ein absoluter Stresstest, den wir bestanden haben“, sagte Wadephul der „Bild am Sonntag“. Die Krise habe die Anfälligkeit Europas gezeigt. „Ich erwarte daher, dass die EU-Kommission dem Schutz der Außengrenzen absolute Priorität einräumt, um das Schengen-System offener EU-Binnengrenzen nicht weiter zu gefährden.“
Zugleich betonte Wadephul, wie wichtig es sei, „gemeinsam schnell gegen Falschinformationen vorzugehen, die Menschenleben gefährden und die tragischerweise auch Dutzende Menschenleben in und um Ceuta gefordert haben“. In sozialen Netzwerken war zuvor die Nachricht verbreitet worden, die spanische Grenze sei „offen“. Der Minister hob hervor, dass eine effektive Migrationspolitik nicht ohne Drittstaaten funktioniere. „Um illegale Migration zu kontrollieren, brauchen wir Partner außerhalb Europas, wie in diesem Fall Marokko. Spanien und Marokko haben es gemeinsam geschafft, diese Krise, die auch in Europa logischerweise größte Sorgen ausgelöst hat, schnell zu lösen. Das begrüße ich sehr“, sagte er.
Offener Brief gegen Spaniens Migrationskurs
Mehrere europäische Staats- und Regierungschefs erhöhen derweil den Druck auf Spanien. In einem offenen Brief, den auch Bundeskanzler Friedrich Merz unterzeichnet hat, äußern sie große Besorgnis über die Lage und werfen Madrid indirekt vor, mit jüngsten Entscheidungen unerwünschte Signale gesendet zu haben. Konkret kritisieren sie eine migrationspolitische Maßnahme der spanischen Regierung: die geplante Legalisierung von rund 500.000 irregulär aufhältigen Migranten, die als Reaktion auf den Arbeitskräftemangel eingeleitet worden war.
In dem Schreiben heißt es wörtlich: „Wir können nicht zulassen, dass unkontrollierte Massenübertritte, die Instrumentalisierung von Migration oder andere hybride Bedrohungen den Eindruck entstehen lassen, dass eine illegale Einreise in die Europäische Union möglich ist.“ Die Unterzeichner fordern, sich mit Maßnahmen auseinanderzusetzen, die Anreize für Migration schaffen könnten – und nennen dabei ausdrücklich die Legalisierung einer sehr großen Zahl irregulärer Migranten. Allerdings sollen von der Regelung nur Asylsuchende profitieren, die ihren Antrag vor Ende 2025 gestellt haben – keine Neuankömmlinge.
Zudem stellt der Brief eine Verbindung zwischen dem Ansturm und einem Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs her. Dieses Urteil sei „benutzt worden, um diesen Angriff auszulösen und unser Migrations- und Asylsystem zu missbrauchen“. Das Gericht hatte entschieden, dass die sofortige Zurückweisung von Migranten nur dann zulässig ist, wenn diese beim irregulären Grenzübertritt einen Zaun oder eine andere Sperre überwunden haben. Für Menschen, die über einen unbefestigten Abschnitt wie das Meer nach Spanien gelangen, sei eine Einzelfallprüfung nötig.
Sondersitzung der Innenminister
Der Brief richtet sich an EU-Ratspräsident António Costa, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und den irischen Regierungschef Micheál Martin, dessen Land den EU-Ratsvorsitz innehat. Initiiert wurde das Schreiben von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen. Insgesamt haben 22 europäische Staats- und Regierungschefs unterschrieben – nicht jedoch Spanien, Irland, Frankreich, Luxemburg und Portugal.
Die Unterzeichner bitten den derzeitigen EU-Ratsvorsitz, umgehend eine außerordentliche Videokonferenz der Innenminister einzuberufen. Diese ist für Dienstag angesetzt. Auch Spaniens Premier Pedro Sánchez forderte angesichts der europäischen Kritik eine digitale Sondersitzung der Innenminister aller 27 EU-Staaten. Sánchez hat sich seinerseits in einem Brief an Irlands Regierungschef Micheál Martin über das Verhalten einiger Mitgliedstaaten beschwert: „Eine solche Haltung – motiviert durch Vorurteile, Falschinformationen, Unwissenheit oder politische Interessen – verstößt nicht nur gegen europäisches Recht, humanitäres Recht und die Grundsätze der Solidarität, die uns verbinden, sondern läuft auch den langfristigen Interessen Europas zuwider.“ Im gegenwärtigen internationalen Kontext könne sich die EU eine „egoistische, spaltende und rechtswidrige Reaktion“ nicht leisten.
Schengen-Streit und Kritik aus Rom
Rechtspopulistische und konservative Politiker in Europa und den USA kritisierten Spanien scharf für seine vermeintlich laxe Migrationspolitik. Besonders hart reagierte Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni: Sie bezeichnete die Bilder aus Ceuta als „schockierend“ und brachte ein Aussetzen der Schengen-Zusammenarbeit mit Spanien ins Gespräch. Italien führte daraufhin für zunächst einen Monat wieder Kontrollen im Flug- und Schiffsverkehr mit Spanien ein. Auch Regierungschefs aus Dänemark, Schweden, Finnland, Tschechien und Österreich unterstützten die Forderung, das Schengen-Abkommen mit Spanien auszusetzen.
Madrid wies die Drohungen als „demagogisch“ zurück. Außenminister José Manuel Albares betonte, niemand könne unkontrolliert von Ceuta auf das spanische Festland und damit in den übrigen Schengen-Raum gelangen, da die Freizügigkeit des Schengen-Raums für Ceuta nicht gelte. Sánchez selbst hatte die Ereignisse bei einem Besuch in Ceuta als „Angriff“ auf die territoriale Integrität Spaniens bezeichnet. Er machte Gerüchte über eine angeblich geöffnete Grenze verantwortlich, die von der „Schleusermafia“ verbreitet worden seien.
Hintergrund: Wie es zum Massenansturm kam
Bis Freitagmorgen hatten innerhalb von 24 Stunden Zehntausende Migranten die Grenze zwischen Marokko und Ceuta überquert. Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, entsandte die spanische Regierung 60 Soldaten sowie 200 Spezialkräfte der Polizei in die Exklave. Erstmals seit 2021 setzt Madrid damit wieder Militär zur Unterstützung der Grenzsicherung ein. Auch an der Grenze zwischen Marokko und der anderen spanischen Exklave Melilla kam es laut dem staatlichen Fernsehsender RTVE zu Auseinandersetzungen: Migranten hätten Steine auf Sicherheitskräfte geworfen, die mit Tränengas reagierten.
Ceuta und Melilla bilden die einzige Landgrenze der Europäischen Union zum afrikanischen Kontinent. Immer wieder versuchen Migranten, über diese beiden Städte in die EU zu gelangen. Der aktuelle Massenansturm ist jedoch eine Ausnahme: Die italienische Zeitung „La Repubblica“ berichtet, im gesamten Jahr 2025 hätten lediglich sechs Migranten Ceuta erreicht, und in diesem Jahr bis zum 15. Juli keiner.
Als Gründe für den plötzlichen Ansturm nennt die spanische Zeitung „El País“ die Verbreitung der Nachricht von einer einfachen Einreise sowie die offensichtliche Untätigkeit der marokkanischen Sicherheitsbehörden. Der Marokko-Korrespondent Juan Carlos Sanz beschrieb ein großes Aufgebot an Grenzpolizisten, Panzerwägen und Gendarmen: „Sie hielten standhaft ihre Position, während Tausende Menschen schweigend am Strand entlangzogen und in der Flut schwammen.“ Auch die Migrationsexpertin Ruth Ferrero-Turrión von der Universidad Complutense in Madrid sagte dem Tagesspiegel: „Ohne jeden Zweifel hätte all dies nicht ohne die Untätigkeit der Behörden geschehen können.“ Die Ereignisse erinnern an den Mai 2021, als rund 10.000 Menschen die Exklave erreichten, nachdem Marokko in einem diplomatischen Streit um die Aufnahme des Polisario-Führers Brahim Ghali die Grenzkontrollen ausgesetzt hatte.



