Berlin. Auf dem KaBoN-Areal in Berlin-Reinickendorf ist ein seltener Eremitenbaum gefällt worden, um Platz für den Bau von 600 Wohnungen zu schaffen. Offiziell begründete die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gesobau die Fällung mit Brandschutzauflagen: Der Baum habe im Weg der Feuerwehr gestanden. Doch diese Darstellung wird nun von Kritikern angezweifelt.
Baum Nummer 1427: Ein Eremitenbaum mit Seltenheitswert
Bei dem gefällten Baum handelte es sich um eine alte Eiche mit einem Stammumfang von über 3,5 Metern. Solche Bäume bieten Lebensraum für den Eremiten (Osmoderma eremita), einen Käfer, der auf der Roten Liste gefährdeter Arten steht. Laut Naturschutzbund Deutschland (NABU) ist der Eremit ein „Urwaldrelikt“, das auf alte, hohle Bäume angewiesen ist. Der Baum trug die Nummer 1427 im Baumkataster des Bezirks.
Die Fällung erfolgte im Zuge der Rodungsarbeiten für das Bauvorhaben an den sogenannten Sternhäusern. Insgesamt sollen dort 600 Wohnungen entstehen, davon ein Teil im geförderten Wohnungsbau. Die Gesobau betont, dass alle Auflagen eingehalten wurden. „Die Fällung war notwendig, um die Zufahrt für die Feuerwehr zu gewährleisten“, sagte ein Sprecher auf Anfrage. Man habe zudem Ersatzpflanzungen und Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen.
Zweifel an der Brandschutz-Begründung
Doch genau diese Begründung stößt auf Skepsis. Der Grünen-Abgeordnete Julian Schwarze, Mitglied im Umweltausschuss des Abgeordnetenhauses, erklärte: „Die Feuerwehr braucht in der Regel keine extra breite Schneise, wenn ein Baum am Rand steht. Die Darstellung der Gesobau ist nicht plausibel.“ Auch der Bürgerverein Reinickendorf-Ost hat Zweifel angemeldet. In einer Stellungnahme heißt es: „Hier wurde offenbar ein wertvoller Altbaum geopfert, um das Bauvorhaben zu beschleunigen.“
Nach Angaben des Bezirksamts Reinickendorf lag eine Genehmigung für die Fällung vor. Allerdings war diese an die Auflage gebunden, dass der Baum nur dann entfernt werden darf, wenn er tatsächlich die Rettungswege blockiert. Ob das der Fall war, ist unklar. Die Untere Naturschutzbehörde prüft den Vorgang nun erneut.
Folgen für das Bauprojekt und die Artenvielfalt
Die Fällung hat nicht nur eine Debatte über den Umgang mit Altbäumen in der Stadt ausgelöst, sondern könnte auch das Bauprojekt selbst verzögern. Wenn die Prüfung ergibt, dass die Fällung unrechtmäßig war, drohen Bußgelder und ein Baustopp. Die Gesobau hält dagegen: Man habe sich an alle Vorgaben gehalten und werde die Ersatzpflanzungen wie geplant umsetzen.
Naturschützer weisen darauf hin, dass der Eremitenkäfer in Berlin nur noch an wenigen Standorten vorkommt. Der Verlust eines solchen Baumes sei „ein herber Schlag für die Biodiversität“, so ein Sprecher des NABU Berlin. Er forderte, künftig bei Bauprojekten den Artenschutz stärker zu gewichten und Alternativen zu prüfen, etwa die Verschiebung von Gebäuden.
Kritik an der Informationspolitik
Bemängelt wird auch die mangelnde Transparenz. Die Fällung wurde erst bekannt, als Anwohner die gefällte Eiche entdeckten. Eine offizielle Information durch die Gesobau oder das Bezirksamt erfolgte nicht. „Die Bürger wurden vor vollendete Tatsachen gestellt“, kritisierte der CDU-Bezirksverordnete Thomas Schmidt. Man hätte die Gelegenheit nutzen müssen, um über die Notwendigkeit zu informieren.
Die Gesobau verweist auf ihre übliche Praxis: „Wir informieren die Öffentlichkeit bei solchen Maßnahmen grundsätzlich über unsere Website und die lokalen Medien.“ Im Fall des KaBoN-Areals sei dies jedoch unterblieben, weil es sich um eine „routinemäßige Rodung“ gehandelt habe. Diese Einschätzung teilen viele Anwohner nicht, die den Baum als Teil ihres Wohnumfelds betrachteten.
Ausblick: Prüfung und mögliche Konsequenzen
Die Untere Naturschutzbehörde will ihre Prüfung in den nächsten Wochen abschließen. Sollte sich herausstellen, dass die Fällung nicht gerechtfertigt war, drohen der Gesobau ein Bußgeld und die Verpflichtung zu Ersatzmaßnahmen in größerem Umfang. Unabhängig davon bleibt die Frage, ob der Wohnungsbau in Berlin nur mit solchen Eingriffen möglich ist.
Das KaBoN-Areal ist eines der größten Wohnungsbauprojekte im Norden Berlins. Neben den 600 Wohnungen sind auch eine Kita, Gewerbeflächen und Grünanlagen geplant. Die Gesobau betont, dass die Mehrheit der Bäume auf dem Gelände erhalten bleibt. „Wir nehmen den Artenschutz ernst“, so der Sprecher. Ob das angesichts der gefällten Eiche glaubwürdig ist, werden die kommenden Wochen zeigen.



