Ein Feldbrand in einem Wohngebiet von Neuruppin ist gerade noch einmal gut gegangen: Die Flammen kamen gefährlich nahe an die Häuser, zeitweise standen die Bewohner vor einer möglichen Evakuierung. Für Brandenburgs Waldschutz-Experten ist das ein weiterer Beleg dafür, dass der Schutz an der Schnittstelle zwischen Bebauung und Natur deutlich verstärkt werden muss. „Darauf muss das Augenmerk gerichtet werden in den kommenden Jahren“, sagt Philipp Haase, stellvertretender Waldbrandschutzbeauftragter des Landes Brandenburg, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Der Übergang von Stadt und Land wird zur Brandzone
Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang vom „Wildland-Urban Interface“ – also jener Zone, in der besiedeltes Gebiet auf unbesiedelte Natur trifft. Genau dort steigt das Risiko, dass ein Flächenbrand auf Siedlungen übergreift. Die jüngsten Ereignisse in Neuruppin zeigen, wie real diese Gefahr ist. Doch nicht nur in Brandenburg brennt es: In Südeuropa mussten in diesem Sommer wegen verheerender Waldbrände viele Ortschaften evakuiert werden. Hunderttausende Menschen waren betroffen, insbesondere an der Atlantikküste bei Bordeaux. Die Bilder von riesigen Feuern und zerstörten Dörfern haben die Diskussion über vorbeugenden Brandschutz neu entfacht.
Warum Siedlungen immer näher an den Wald rücken
Philipp Haase macht auf eine langjährige Entwicklung aufmerksam: „In den letzten Jahren sind immer wieder Siedlungsbereiche an den Wald herangebaut worden“, erläutert er. Konkret nennt er Gebiete in Potsdam und Beelitz. Für diese Lagen seien nun dringend Schutzkonzepte notwendig. Dazu gehören aus Sicht des Experten Waldbrandschutzwege, die Einsatzfahrzeugen schnelle Zugänge ermöglichen, und Löschwasserentnahmestellen, damit die Feuerwehr im Ernstfall nicht erst lange Wasser heranschaffen muss. Ebenso wichtig sei ein vorausschauender Waldumbau, der die Wälder weniger anfällig für Feuer mache. Dass dies machbar ist, zeigt das Beispiel Beelitz: Die Stadt hatte bereits 2022 eine Risikoanalyse in Auftrag gegeben und auf dieser Grundlage ein Schutzkonzept entwickelt.
Wetterdienst erwartet wieder steigende Waldbrandgefahr
Die Lage in Brandenburg bleibt jedoch angespannt. Der Deutsche Wetterdienst rechnet damit, dass die Waldbrandgefahr nach einer vorübergehenden Entspannung am Wochenende schon in den kommenden Tagen wieder ansteigt. Besonders in Regionen, in denen es seit Wochen nicht geregnet hat, steigt die Gefahr von Flächenbränden. Trockenes Gras, Laub und Nadeln bieten ideale Zündstoffe – und ein Funke genügt, um eine Kettenreaktion auszulösen.
Kiefernwälder könnten großflächig absterben
Der Biologe und Professor an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, Pierre Ibisch, blickt mit Sorge auf die Wälder Ostdeutschlands. „Ich sehe vor allem das Risiko, dass in näherer Zukunft extreme Witterungsereignisse die Waldkiefernforsten nicht nur stark aufheizen und austrocknen, sondern dass in größeren Regionen dann auch ganze Bestände absterben – so, wie wir es nun schon im Falle der Fichten kennengelernt haben“, warnt Ibisch. Ein großflächiges Absterben der Kiefern hätte katastrophale Folgen: „Das würde innerhalb kürzester Zeit zu einem Brandrisiko führen, wie wir es noch nicht kennen“, so der Wissenschaftler. Die ausgedörrten, toten Bäume wären ideale Nahrung für Feuer.
Weg vom Nadelbaum-Reinbestand
Für Ibisch ist deshalb klar: Die Waldbewirtschaftung muss sich grundlegend ändern. „In allen Regionen gilt, dass leicht entzündliche und brennbare Baumarten und Vegetationstypen gemieden oder möglichst verhindert werden müssen. Das bedeutet bei uns: Endlich konsequent weg von den Nadelbaumreinbeständen.“ Statt monotoner Kiefernplantagen brauche es widerstandsfähigere Mischwälder. Als Ideal nennt er einen eher kühlen Laubwald mit humusreichem Boden und stark zersetztem Totholz. Eine solche Bewaldung sei in Deutschland noch immer erreichbar – und sie wäre nicht nur brandresistent, sondern auch ein Gewinn für die biologische Vielfalt und den Wasserhaushalt.
Das fordern die Experten
- Waldbrandschutzwege anlegen, um Löschfahrzeugen den Zugang zu erleichtern.
- Löschwasserentnahmestellen an Siedlungsrändern einrichten.
- Risikoanalysen für gefährdete Kommunen erstellen lassen – wie in Beelitz geschehen.
- Waldumbau forcieren und weg von Nadelbaum-Reinbeständen kommen.
Diese Maßnahmen sind Teil einer Strategie, die Prävention in den Mittelpunkt stellt und im Ernstfall entscheidend sein kann, um Menschenleben zu schützen und Schäden zu begrenzen.
Die Forderungen der Experten sind eindeutig: Mehr Abstände, bessere Löschinfrastruktur, ein anderer Waldbau. Angesichts der zunehmenden Trockenheit durch den Klimawandel dürfte der Waldbrandschutz an den Siedlungsrändern in den kommenden Jahren eine wachsende Rolle spielen – genau dort, wo Menschen wohnen und Natur beginnt.



