Bei einem Pilotprojekt in der Ostsee haben Taucher und Sonarexperten eine Fläche von 38 Quadratkilometern – umgerechnet etwa 5.300 Fußballfelder – nach verlorenen Fischernetzen abgesucht. Wie die Ministerien für Landwirtschaft und Umwelt in Schleswig-Holstein mitteilten, wurden dabei 51 Fischereigeräte entdeckt, darunter 39 Stellnetzfragmente, elf Aalröhren-Leinen und eine Reuse. 41 dieser Geräte konnten bereits geborgen werden. Die Suche konzentrierte sich auf die Lübecker Bucht, die Flensburger Förde und die Kieler Bucht.
Hintergrund: Was sind Geisternetze?
Geisternetze sind verloren gegangene Fischernetze, die weiterhin im Meer treiben oder auf dem Grund liegen. Laut der Umweltschutzorganisation WWF verliert kein Fischer seine Netze freiwillig, doch auch im Fischereihandwerk gibt es Schwund. Extreme Wetterlagen sind eine der Hauptursachen: Bei Sturm können Stellnetze aus ihren Verankerungen gerissen werden und abdriften. Auch das Verhaken an Unterwasserhindernissen wie Steinen, Metallteilen oder Munitionsresten führt zu Netzverlusten. Nicht immer werden diese Netzteile wieder gefunden.
Die kleine Küstenfischerei hat laut WWF ein Eigeninteresse daran, ihre Fanggebiete frei von verlorenen Geräten zu halten. Wenn Fische in den Netzen verenden, ohne wirtschaftlich genutzt zu werden, schadet das nicht nur dem Ökosystem, sondern schmälert auch die Erlöse der Fischer.
Ökologische Auswirkungen und Zahlen
Verlorene Fischernetze stellen ein ernstes ökologisches Problem dar. Geisternetze können quasi „weiterfischen“ und werden so zur tödlichen Falle für Fische, Seevögel und Meeressäuger. Zudem enthalten Stellnetze oft Bleileinen, die die untere Netzkante beschweren. Auch als Teil der Plastikverschmutzung der Meere sind sie relevant.
Nach Angaben von Greenpeace landen jährlich rund 640.000 Tonnen altes Fischereigerät – einschließlich Geisternetzen, Bojen, Leinen, Fallen und Körben – als Fischereimüll in den Ozeanen. Eine genaue Zahl für Geisternetze gibt es nicht, aber allein in der Ostsee gehen Schätzungen zufolge jedes Jahr bis zu 10.000 Netzteile verloren.
Erfolgreiche Zusammenarbeit im Pilotprojekt
Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) betonte: „Meeresschutz geht uns alle an und erfordert Teamwork. Das Pilotprojekt war so erfolgreich, weil alle an einem Strang gezogen, zusammen Lösungen entwickelt und angepackt haben.“ Die Meere stünden unter Stress, denn Erderwärmung, Lärm, Verschmutzung und Übernutzung belasteten die Unterwasserwelt.
Besonders die Zusammenarbeit zwischen Fischereibetrieben und Tauchteams habe sich ausgezahlt. Die Taucher lokalisierten die Fanggeräte, befestigten Hebeleinen und lösten die Netze vorsichtig vom Grund. Anschließend hoben sie die Geräte mit technischer Ausrüstung der Fischereifahrzeuge an Bord. „Das macht Hoffnung“, erklärte Goldschmidt.
Fischereiministerin: Verbesserter Umgang mit Netzen
Fischereiministerin Cornelia Schmachtenberg (CDU) ergänzte: „Jedes Netz, das im Wasser verloren geht, ist eins zu viel.“ Jeder Fischer und jede Fischerin habe ein Interesse daran, die Netze zu behalten und so wenig wie möglich zu verlieren – allein aus wirtschaftlichem Interesse. Zudem seien etwa in der Neustädter Bucht, wo vor einigen Jahren bereits aufgeräumt wurde, keine Netze mehr gefunden worden. „Das heißt, der Umgang mit den Netzen, beispielsweise mit den Stellnetzen, hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert“, so die Ministerin. Die Wahrscheinlichkeit einer Wiederverschmutzung sei daher sehr gering, sobald eine Fläche gereinigt wurde.
Forderungen von Umweltschützern
Das Pilotprojekt habe laut WWF klar gezeigt, welche nächsten Schritte vor Bund und Küstenländern liegen. „Wir empfehlen, eine landesweit funktionierende Handlungskette aufzubauen, die alle Schritte von der niedrigschwelligen Meldung eines verlorenen Netzes bis zur Bergung und Entsorgung abdeckt“, sagte Finn Viehberg, Leiter des WWF-Ostseebüros. „Die Zusammenarbeit von Sonarexperten und Küstenfischerei ist der Schlüssel, um die deutsche Ostsee von Geisternetzen zu befreien und sollte verstetigt werden.“ Das Entfernen von Geisternetzen aus der Ostsee sei eine staatliche Aufgabe.
Greenpeace kritisiert, dass bisher vorhandene Kontrollmechanismen unzureichend umgesetzt würden. Gefordert werden strengere Maßnahmen und wirksame Kontrollen. Außerdem dürfe die Entsorgung von Fischereigeräten in Häfen keine zusätzlichen Kosten verursachen, da die Hemmungen sonst zu groß seien, die Netze anzulanden – statt sie illegal auf See zu entsorgen.



