Handy am Steuer: ADAC-Aktionsmonat gegen die unterschätzte Gefahr
Handy am Steuer: ADAC-Aktionsmonat in Rheinland-Pfalz

Blindflug bei 100 km/h

Wer bei Tempo 100 nur drei Sekunden auf das Smartphone schaut, legt rund 80 Meter nahezu unkontrolliert zurück. Genau gegen diese unterschätzte Gefahr startet der ADAC Mittelrhein in Rheinland-Pfalz einen Aktionsmonat. Unter dem Motto „Lenken statt Liken – Fahr sicher ohne Handy“ setzt der Automobilclub im gesamten August auf Plakate an stark frequentierten Straßen sowie auf eine Social-Media-Initiative, die gezielt zu Pendlerzeiten um mehr Aufmerksamkeit im Straßenverkehr wirbt.

Die verbotene Nutzung elektronischer Geräte am Steuer ist in Paragraf 23 der Straßenverkehrsordnung geregelt – und bleibt eine Unfallursache, die immer wieder tödlich endet.

Offizielle Zahlen erfassen nur einen Bruchteil

Nach Angaben des Statistischen Landesamtes registrierte die Polizei in Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr 55 Unfälle mit Verletzten, bei denen die Nutzung elektronischer Geräte eine Rolle spielte. Dabei wurden 11 Menschen schwer und 56 leicht verletzt. In 37 weiteren Fällen entstand schwerer Sachschaden. Seit 2021 kamen laut Statistik zwölf Menschen infolge solcher Unfälle ums Leben.

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„Unfälle durch Ablenkung sind laut Statistik sehr selten. Der Nachweis ist schwierig und die Dunkelziffer hoch“, sagt Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Bei einem Crash müsse die Smartphone-Nutzung vom Verursacher meist erst freiwillig zugegeben werden.

Handy am Steuer: bis zu sechsfach höheres Risiko

Die tatsächliche Verbreitung ist deutlich größer, als es die Polizeistatistik vermuten lässt. Laut UDV-Studien sendet knapp jeder vierte Autofahrer während der Fahrt zumindest gelegentlich Textnachrichten oder E-Mails – mit steigender Tendenz. Wer das Smartphone am Steuer bedient, hat Studien zufolge ein fast dreifach erhöhtes Unfallrisiko. Beim Schreiben oder Lesen steigt das Risiko sogar auf das Sechsfache.

„Handy am Steuer lenkt visuell, motorisch und kognitiv ab“, erklärt Zeidler. Zwar müssen Neuwagen seit diesem Jahr über Ablenkungswarner verfügen, doch diese schlagen aus Sicht der Expertin viel zu spät an – bei Tempo 50 erst nach 3,5 Sekunden. Sie fordert kürzere Warnfristen, eine EU-weit geregelte Speicherung der Warnungen in der Fahrzeug-Blackbox sowie Apps, die Nachrichten und Social-Media-Nutzung am Lenkrad automatisch blockieren.

Wie Polizei und Verkehrswacht aufklären

Auch die Behörden halten Aufklärung für unverzichtbar. Einem Sprecher des rheinland-pfälzischen Innenministeriums zufolge setzt die Polizei im Rahmen landesweiter Jahresschwerpunkte auf eine Mischung aus Social-Media-Kampagnen und Vor-Ort-Aktionen. Mit Erklärvideos von Unfallaufnahmeteams, Infografiken und Interaktionsformaten soll das eigene Verhalten kritisch hinterfragt werden.

Ergänzt wird das durch Initiativen der Landesverkehrswacht Rheinland-Pfalz. Die Bezirksverkehrswacht Montabaur lässt Teilnehmer etwa auf einem Spezialparcours erfahren, wie viele Meter sie in einem Gokart blind zurücklegen, während sie eine Nachricht tippen.

Grenzen reiner Appelle

Plakatkampagnen organisiert die Landesverkehrswacht bewusst nicht – offenbar aus Skepsis, ob sie Autofahrende überhaupt noch erreichen. Auch UDV-Leiterin Zeidler hält reine Aufklärung für unzureichend: „Menschen halten sich nur an Regeln, wenn es wahrscheinlich ist, beim Verstoß ertappt zu werden und die Strafe schmerzen würde.“ Sie fordert daher härtere Strafen – etwa zwei Punkte in Flensburg statt einem – und den flächendeckenden Einsatz von Monocams, also automatisierten Kontrollkameras für Handys am Steuer.

Rheinland-Pfalz setzt auf Handyblitzer

Rheinland-Pfalz nimmt bei dieser Überwachungstechnik bereits eine Vorreiterrolle ein. Wie das Innenministerium der Deutschen Presse-Agentur mitteilte, erfassten die Kontrollteams im Regelbetrieb von April bis November 2025 insgesamt 950 Verstöße. Im ersten Halbjahr 2026 kamen weitere 668 Vorgänge hinzu, die durch die Monocams geahndet wurden.

Die Kamera wird beispielsweise an einer Autobahnbrücke montiert und filmt schräg in den Fahrzeuginnenraum, insbesondere auf die Fahrerseite. Eine Software analysiert die Aufnahmen und erkennt, ob der Fahrer möglicherweise ein Mobiltelefon oder einen ähnlichen Gegenstand in der Hand hält. Die Beamten erhalten dann einen Hinweis und prüfen die Aufnahmen.

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Die Begleitforschung zeigt dem Innenministerium zufolge: Der Einsatz dieser Systeme führt an den Messstellen zu einem deutlichen Rückgang der Ablenkungsverstöße. Das System entfaltet also eine klare präventive Wirkung. Aus Sicht der Unfallforschung braucht es nun schnellstmöglich eine einheitliche bundesrechtliche Grundlage für den flächendeckenden Einsatz – ebenso wie nachgebesserte Warnsysteme direkt in den Fahrzeugen.