Die Arbeit bei der Regionalbahn ist für viele Mitarbeiter von Angst und Gewalt geprägt. Das ergab eine aktuelle Umfrage der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) unter ihren Mitgliedern. Rund 80 Prozent der befragten Lokführer und Zugbegleiter gaben an, sich bei der Arbeit unsicher zu fühlen. Besonders betroffen sind demnach die Abend- und Nachtstunden.
Alltägliche Aggressionen und Übergriffe
Die Umfrage zeigt ein erschreckendes Bild: Fast die Hälfte der Befragten wurde bereits in den letzten zwölf Monaten Opfer von Beleidigungen oder Bedrohungen. Körperliche Angriffe erlebten zwölf Prozent der Mitarbeiter. Laut GDL-Bezirksvorsitzendem Klaus-Dieter Hommel ist die Situation „inakzeptabel und gefährlich“. Er fordert von den Bahnunternehmen und der Politik konkrete Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten.
Die Übergriffe ereignen sich häufig bei Kontrollen oder wenn Fahrgäste auf die Maskenpflicht hingewiesen werden. Auch das Einhalten der Hausordnung führt immer wieder zu Konflikten. Viele Mitarbeiter berichten von verbalen Entgleisungen, die schnell in körperliche Gewalt umschlagen können. Die Hemmschwelle der Fahrgäste sei in den letzten Jahren deutlich gesunken, so Hommel.
Betroffene fordern mehr Präsenz und Videoüberwachung
Als Konsequenz fordern die Beschäftigten eine stärkere Präsenz von Sicherheitskräften in den Zügen und auf den Bahnhöfen. Zudem wünschen sie sich eine bessere Videoüberwachung sowie Notrufmöglichkeiten. Die GDL hat die Bahnunternehmen aufgefordert, ein Sicherheitskonzept zu erarbeiten, das diese Punkte berücksichtigt. „Unsere Mitglieder haben ein Recht darauf, sicher zur Arbeit zu kommen und sicher nach Hause zu gehen“, betont Hommel.
Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die den Regionalverkehr in Bayern bestellt, sieht sich in der Verantwortung. Sie kündigte an, das Thema Sicherheit bei künftigen Ausschreibungen stärker zu gewichten. So sollen Unternehmen, die sich um die Strecken bewerben, nachweisen, welche Sicherheitsmaßnahmen sie ergreifen. Dazu gehören geschultes Personal, Deeskalationstrainings und eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei.
Politik und Bahnunternehmen in der Pflicht
Der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) erklärte, man nehme die Sorgen der Mitarbeiter ernst. Er kündigte an, das Gespräch mit den Bahnunternehmen zu suchen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. „Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr hat oberste Priorität“, so Bernreiter. Die GDL fordert jedoch konkrete Taten statt Ankündigungen. Sie verlangt unter anderem eine gesetzliche Verpflichtung für Bahnunternehmen, Sicherheitspersonal in allen Zügen einzusetzen.
Die Umfrage der GDL zeigt auch, dass viele Mitarbeiter über psychische Belastungen klagen. Fast ein Drittel gab an, unter Schlafstörungen oder Angstzuständen zu leiden. Die Gewerkschaft fordert daher auch ein betriebliches Gesundheitsmanagement, das diese Belastungen ernst nimmt. „Die seelische Gesundheit der Beschäftigten darf nicht auf der Strecke bleiben“, sagt Hommel.
Experten fordern Deeskalationsstrategien
Konfliktforscher empfehlen, dass Bahnmitarbeiter verstärkt in Deeskalationstechniken geschult werden. So könnten sie gefährliche Situationen frühzeitig erkennen und entschärfen. Zudem sollte die Bahn ihre Kommunikation mit den Fahrgästen verbessern, um Missverständnisse zu vermeiden. Eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zeigt, dass freundliche und klare Ansagen das Konfliktpotenzial deutlich reduzieren.
Die Diskussion um die Sicherheit in Regionalbahnen ist nicht neu, doch die aktuellen Zahlen geben Anlass zur Sorge. Die GDL hat angekündigt, die Umfrageergebnisse den Aufsichtsräten der Bahnunternehmen vorzulegen und auf schnelle Verbesserungen zu drängen. Bis dahin müssen die Mitarbeiter weiterhin mit der Angst leben, Opfer von Gewalt zu werden – ein Zustand, der nicht hinnehmbar ist.



