Attacke während der CSD-Feierlichkeiten: Ein Toter, viele Verletzte
Ein jähes Ende fand der Christopher Street Day (CSD) in Berlin, als am Samstagabend ein weißer Van in eine Menschenmenge am Ahornsteig nahe dem Potsdamer Platz raste. Dabei kam eine Frau ums Leben, 29 Menschen wurden verletzt, mehrere von ihnen lebensbedrohlich oder schwer. Der mutmaßliche Täter, der nach dem Zusammenstoß mit einem Baum ausstieg und mit einer Machete auf weitere Passanten einstach, ist auf der Flucht. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte, dass alle Hinweise auf einen islamistischen Terroranschlag deuteten.
Ermittlungen: Radikalisierung und Vorstrafen des Tatverdächtigen
Laut Dobrindt handelt es sich bei dem Gesuchten um den 21-jährigen Abdul B., einen deutschen Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln, dessen Mutter 2002 eingebürgert wurde. Er sei bereits in der Vergangenheit „auffällig“ geworden und zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden – gegen das Urteil hatte die Staatsanwaltschaft Beschwerde eingelegt. Die Behörden gehen von einer islamistischen Radikalisierung aus. Nach Informationen von „Spiegel“ soll Abdul B. mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sympathisiert haben; „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR berichten, er habe versucht, sich dem IS in Syrien anzuschließen. Die „Bild“-Zeitung meldete, dass er für Montag zu einem Deradikalisierungskurs vorgeladen war. Die „Welt“ bezeichnete ihn als Gefährder. Erst im Mai 2026 wurde Abdul B. aus dem Jugendarrest entlassen.
Fahndung und Sicherheitsmaßnahmen
Die Berliner Polizei fahndet mit einem Foto nach Abdul B., der als schlank, etwa 1,90 Meter groß und möglicherweise bewaffnet beschrieben wird. Die Behörden warnen, den Verdächtigen nicht anzusprechen, sondern sofort die 110 zu wählen. Bundespolizisten sind an Bahnhöfen, Flughäfen und Grenzen im Einsatz. Dobrindt erwartet, dass der Generalbundesanwalt noch im Laufe des Tages die Zuständigkeit auf Bundesebene übernimmt. Der Täter habe zunächst mit dem Transporter mehrere Menschen am Ahornsteig angefahren oder umgefahren, bevor das Fahrzeug einen Baum rammte, so Polizeisprecher Florian Nath. Anschließend habe er mit der Machete weitere Passanten attackiert.
Politische Reaktionen: Entsetzen und Forderungen nach schärferen Gesetzen
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schaltete sich in die Lagebesprechung des Innenministeriums ein und kündigte ein Statement vor der St. Marienkirche an. Auf X schrieb er: „Was für eine abscheuliche Tat in Berlin. Hunderttausende Menschen aus aller Welt feierten friedlich beim Christopher Street Day. Sie wollten, dass wir gut und tolerant miteinander umgehen. Das ist ein Angriff auf unsere Gesellschaft.“ Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zeigte sich bestürzt: „Es ist ein Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft – nach einem friedlichen und bunten CSD wurde die Versammlung für ein tolerantes und friedliches Berlin auf brutalste Art attackiert.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete die Tat in Hamm als „Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Art zu leben und zusammenzuleben.“ Die Queerbeauftragte Sophie Koch (SPD) rief bei Instagram zu mehr Zusammenhalt und Sichtbarkeit auf. Der CDU-Innenpolitiker Günter Krings forderte in der „Rheinischen Post“ ein härteres Strafmaß für islamistische Attentäter und strengere Einbürgerungsregeln. Sein Parteikollege Alexander Throm verlangte eine sofortige Verabschiedung aller anstehenden Sicherheitsgesetze nach der Sommerpause.
Debatte um Sicherheit: Experten sehen keine hundertprozentige Prävention
Terrorismusexperte Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung betonte, dass solche Taten praktisch nicht vollständig verhindert werden könnten. „Ich glaube, dass ein Staat oder auch die Europäische Union, eine Staatengemeinschaft, sehr viele Maßnahmen ergreifen kann, damit die Menschen in Deutschland sicher sind. Eine hundertprozentige Sicherheit ist aber nicht möglich. Es wird immer Menschen geben, die aus was für einem Motiv auch immer zur Gewalt greifen und dann irgendwelche Lücken finden.“ Die CSD-Veranstalter sagten für Sonntag geplante Veranstaltungen ab. In der St. Marienkirche fand am Nachmittag eine Andacht statt.



