Nach dem mutmaßlich islamistischen Terroranschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin ist ein zweiter Tatverdächtiger wieder auf freiem Fuß. Die Bundesanwaltschaft bestätigte, dass der Mann aus dem Polizeigewahrsam entlassen wurde, nachdem sich der Tatverdacht gegen den Iraner nicht erhärtet hatte. Der 21-jährige Abdul Ballout, der als Haupttäter gilt, war am Sonntagabend bei einem Polizeieinsatz in einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau erschossen worden.
Tathergang und Hintergründe
Abdul Ballout, ein deutscher Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln, soll am Samstag am Rande des CSD mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge gefahren sein. Dabei kam eine Person ums Leben, 29 weitere wurden verletzt. Zudem soll er mit einer Stichwaffe auf Menschen eingestochen haben. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach von einem „islamistischen Terroranschlag“. Der 21-Jährige hatte zuvor mehrfach versucht, sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) in Syrien anzuschließen. Er war im Mai 2026 zu einer Jugendstrafe von 22 Monaten auf Bewährung verurteilt worden – unter anderem wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.
Laut Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner (CDU) geschah die Tat außerhalb des abgesicherten Bereichs des CSD. Am Sonntagabend fand ein Trauermarsch von der Marienkirche zum Brandenburger Tor statt. Bereits am Nachmittag hatten 8.000 bis 10.000 Menschen an einer Trauerkundgebung teilgenommen. Das Brandenburger Tor wurde in Regenbogenfarben angestrahlt, als Zeichen der Solidarität mit der queeren Gemeinschaft.
Vater des Täters äußert sich
Der Vater von Abdul Ballout, Tawfik B., gab dem „Spiegel“ ein Interview. Er schilderte, dass er wenige Stunden vor der Tat noch mit seinem Sohn telefoniert habe. „Er hat mich angerufen und wir haben ganz normal gesprochen, wie jeden Tag. Er sagte, dass er mich vermisst und er sich wünschte, jetzt mit uns im Libanon zu sein.“ Der Vater, der im Libanon lebt, betonte, die Familie sei schiitisch und unterstütze den IS nicht. „Wir sind Schiiten. Wir unterstützen den ‚Islamischen Staat‘ (IS) nicht.“ Er habe seinen Sohn vor einiger Zeit gefragt, was er über den IS denke, und Abdul habe geantwortet, er halte die Gruppe für „schlecht“. Dennoch habe der Vater die Radikalisierung seines Sohnes nicht ausgeschlossen. „Er wurde einer Gehirnwäsche unterzogen“, sagte Tawfik B. Der 21-Jährige habe keinen festen Job gehabt und viel Zeit mit Handy und Fernsehen verbracht.
Extremismus-Berater: „Freundlicher Eindruck“
Thomas Mücke, Geschäftsführer des Violence Prevention Network (VPN), das sich in der Extremismusprävention engagiert, kannte Abdul Ballout aus der Beratung. Im ARD-„Brennpunkt“ sagte er: Die Sozialarbeiter hätten „einen sehr gefassten, einen sehr vorsichtigen, einen sehr kontrollierten, einen sehr freundlichen Eindruck“ von dem jungen Mann gehabt. „Und das sind genau die Kriterien, wo wir halt merken, da kommen wir nicht wirklich an die Person heran.“ Das VPN hatte Ballout im Rahmen eines Deradikalisierungsprogramms betreut.
Polizeieinsatz in Spandau
Die Polizei lokalisierte Ballout am Sonntag gegen 18 Uhr in einer Kleingartenanlage an der Ruhlebener Straße in Spandau. Als die Einsatzkräfte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) eintrafen, sei der Tatverdächtige mit einer Stichwaffe auf sie zugelaufen. Daraufhin eröffneten die Beamten das Feuer und trafen den 21-Jährigen tödlich. Die Feuerwehr versuchte noch eine Reanimation, doch Ballout starb noch am Einsatzort. Eine Mordkommission übernahm die Ermittlungen zu dem Schusswaffengebrauch, während die Generalbundesanwaltschaft die Ermittlungen zum Anschlag selbst führte.
Die Berliner Polizei richtete eine mobile Wache am Tatort ein und bietet Betreuung an. Zudem bat die Polizei weiterhin um Hinweise über ein Hinweisportal und eine Personenauskunftsstelle für Angehörige der Opfer.
Reaktionen aus der Politik
Nach dem Anschlag forderten CDU-Sicherheitspolitiker einen härteren Kurs gegen Gefährder. Marc Henrichmann, Vorsitzender des Geheimdienst-Kontrollgremiums des Bundestags, sagte dem „Handelsblatt“: „Freiheitsrechte von gerichtsbekannten Extremisten und Islamisten dürfen spätestens dann nicht länger überhöht werden, wenn Leib und Leben von Menschen gefährdet sind.“ Die „Kriegserklärung an unsere freiheitliche Demokratie“ dürfe nicht „mit Samthandschuhen“ beantwortet werden. Auch der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Alexander Throm (CDU), verlangte, dass es bei Anhängern der islamistischen Ideologie „keinerlei Nachsicht“ geben dürfe.
Der Vorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel, forderte im „stern“, Erwachsenenstrafrecht für alle Gefährder anzuwenden. „Gefährder dürfen künftig nicht mehr nach Jugendstrafrecht verurteilt werden können. Die dafür notwendige ‚Reifeverzögerung‘ darf künftig nicht mehr angenommen werden, wenn Täter sich radikalisiert haben.“
SPD-Innenexperte fordert Aufarbeitung der Justiz
SPD-Innenexperte Sebastian Fiedler mahnte im Deutschlandfunk, die Rolle der Justiz zu überprüfen. „Das Strafrecht war hier nicht das Problem, sondern eher möglicherweise eben die Anwendung.“ Er fragte, warum Ballout nach der Verurteilung auf freiem Fuß war und warum die Staatsanwaltschaft anderer Auffassung als das Gericht gewesen sei. „Was ist eigentlich nach der Haftentlassung passiert? Zu wem hatte er noch Kontakte? Obwohl er ja unter Überwachung gestanden hat, hat es hier offenkundig eine Lücke gegeben, und genau die müssen wir uns ganz präzise vornehmen.“
Zentralrat der Muslime verurteilt Anschlag
Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) verurteilte die Tat scharf. „Wo Menschen aufgrund ihrer Identität oder ihrer Lebensweise zur Zielscheibe von Gewalt werden, werden die Grundwerte unseres Zusammenlebens angegriffen“, hieß es in einer Mitteilung. Der ZMD betonte, dass der Schutz des menschlichen Lebens zu den grundlegenden Prinzipien des Islam gehöre. „Gewalt gegen Unschuldige findet dort keine Rechtfertigung.“



