Europa verfügt über alle Voraussetzungen für sicherheitspolitische Souveränität, doch es verharrt in fataler Abhängigkeit von den USA und betreibt rüstungspolitische Kleinstaaterei. Das ist die zentrale These eines Gastbeitrags von Nico Lange, Gründer und Direktor des Instituts für Risikoanalysen und Internationale Sicherheit (IRIS). Lange fordert: Wer zuverlässig in Sicherheit leben will, muss eigenständig Sicherheit herstellen können. Europa müsse aufhören, sich kleinzureden und nur auf amerikanische Rückzugspläne zu reagieren. Stattdessen gelte es, eigene Pläne umzusetzen.
Die strategische Neuausrichtung der USA
Der Zeitpunkt dafür sei spätestens jetzt gekommen, denn Washington stelle seine militärische Rolle in Europa grundlegend neu auf. Elbridge Colby, politischer Direktor im Pentagon und Mitautor der neuen US-Verteidigungsstrategie, argumentiere seit Langem mit brutaler Klarheit: Die USA müssten ihre Kräfte auf den Indopazifik konzentrieren. Europa müsse daher seine konventionelle Verteidigung und Abschreckung selbst tragen. Dies sei die strategische Realität, so Lange.
Die angekündigte „European Posture Review“
Die von Colby angekündigte „European Posture Review“ der USA passe in dieses Bild. Es handle sich vermutlich nicht um einen Abzugsplan, sondern um eine strategische Inventur. Die Amerikaner prüften, welche Fähigkeiten sie in Europa halten, welche sie reduzieren und welche sie verlagern müssten, um global handlungsfähig zu bleiben. Betroffen seien Standorte, Logistik, Führungsstrukturen, Luftverteidigung, Munitionslager, Raketen, Flugzeuge, Schiffe und alle Mittel, die die USA künftig in einem europäischen Verteidigungsfall nicht mehr beitragen würden.
Europas eigene Verantwortung
Lange betont, dass Europa endlich begreifen müsse, dass es sich nicht mehr auf den Schutzschild der USA verlassen könne. Die europäischen Staaten müssten gemeinsam in moderne Fähigkeiten investieren, ihre Streitkräfte besser integrieren und eine glaubwürdige Abschreckung aufbauen. Derzeit geben die EU-Staaten im Schnitt nur 1,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aus – weit unter dem NATO-Ziel von zwei Prozent. Diese Lücke müsse geschlossen werden, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten.
Rüstungspolitische Fragmentierung überwinden
Ein weiteres Problem sei die Zersplitterung der europäischen Rüstungsindustrie. Statt gemeinsamer Projekte und Beschaffungen betrieben die Mitgliedsstaaten oft nationale Insellösungen, die ineffizient und teuer seien. Lange fordert eine konsequente europäische Rüstungskooperation, um Skaleneffekte zu nutzen und die Interoperabilität der Streitkräfte zu verbessern. Nur so könne Europa seiner sicherheitspolitischen Verantwortung gerecht werden.
Fazit: Eigenständigkeit statt transatlantische Illusion
Der Gastbeitrag von Nico Lange endet mit einem Appell: Europa müsse sich von der Illusion lösen, die USA würden auf Dauer die Sicherheitsgarantie stellen. Die transatlantische Partnerschaft bleibe wichtig, aber sie müsse auf Augenhöhe erfolgen. Wer Partner sein wolle, müsse sich entsprechend verhalten – das bedeute, militärische Fähigkeiten und politischen Willen zur eigenständigen Verteidigung zu zeigen. Die Zeit des Abwartens sei vorbei; Europa müsse jetzt handeln.



