Die kanadische Regierung unter Premierminister Mark Carney sucht angesichts der aggressiven Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump neue Verbündete. Wichtigster Ansprechpartner: die Europäische Union. Schon jetzt laufen Gespräche über eine Vertiefung der Handels- und Verteidigungsbeziehungen. Johannes Thimm, Experte für Amerika-Forschung bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), sieht in der Entwicklung eine logische Reaktion auf Trumps Konfrontationskurs.
Trump hat Kanada zuletzt mit einem Zoll von 50 Prozent auf Waren wie Hockeyschläger, Wein und Zement belegt. Für Thimm ist das ein Bruch mit der jahrzehntelangen engen Partnerschaft: „Eigentlich ist die Zusammenarbeit zwischen den USA und Kanada eng, sowohl im Sicherheits- und Verteidigungsbereich als auch beim Handel.“ Die Grenze sei früher praktisch offen gewesen, Lieferketten hätten die Grenze mehrfach pro Produkt passiert. „Wenn dann jedes Mal Zoll fällig wird, bringt das alles durcheinander.“ Erst vor wenigen Tagen hatten sich Washington und Ottawa nach Trump-Drohungen im Streit um eine wichtige Grenzbrücke geeinigt – ein weiteres Zeichen für die zerrüttete Beziehung.
Kanadas wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA
Die Zölle treffen Kanada hart. Die USA sind der mit Abstand größte Handelspartner: Rund drei Viertel aller kanadischen Exporte gehen in die USA, die Hälfte der Importe kommt von dort. Gleichzeitig ist das Verhältnis höchst asymmetrisch. Die USA haben 350 Millionen Einwohner, Kanada knapp 40 Millionen. Das Bruttoinlandsprodukt der USA ist zwölfmal so groß. „Die USA sitzen also am längeren Hebel“, sagt Thimm. Besonders die ersten US-Zölle auf Öl, Gas und Holz hätten viele Jobs gekostet.
Die kulturelle Abgrenzung als Dauerbrenner
Thimm betont, dass die Kanadier schon immer Wert auf ihre Unterschiede zu den USA legten. „Die USA sind deutlich größer als Kanada. In einem asymmetrischen Verhältnis ist es so: Bewohner kleinerer Länder wissen deutlich mehr über größere Nachbarn als umgekehrt.“ Politisch sei Kanada in einigen Punkten näher an Europa, etwa bei der allgemeinen Krankenversicherung. Diese kulturelle Nähe erleichtere nun die Annäherung an die EU.
Kanada sucht Partner – auch in China
Carney ruft deshalb die Mittelmächte der Welt dazu auf, sich gegen Trumps Erpressung zu verbünden. Europa sei ein natürlicher Partner, weil Kanada und die EU in vielen Fragen ähnlich tickten, so Thimm. Aber Carney beschränke sich nicht auf Gleichgesinnte: „Er erschließt auch neue Geschäftsbeziehungen mit China.“ Kanada habe seinen Markt für chinesische Elektroautos geöffnet und erhoffe sich im Gegenzug Exportchancen für kanadische Unternehmen.
Rohstoffe: EU will Kanadas Schätze heben
Kanada ist reich an strategischen Rohstoffen. 24 der 34 von der EU als kritisch eingestuften Mineralien kommen dort vor. Bislang haben kanadische Unternehmen vor allem mit den USA und China zusammengearbeitet, Europa hinkte hinterher. „Europa hat die Entwicklung ein bisschen verschlafen“, sagt Thimm. Nun würden auch kanadisch-europäische Kooperationen erwogen. Die Erschließung sei teuer und erfordere große Investitionen.
Besonders interessant ist die Zusammenarbeit bei seltenen Erden. China kontrolliert 90 Prozent des Handels mit bestimmten dieser Metalle und hat bereits Exportstopps verhängt. Europa braucht die Rohstoffe für Computerchips und Batterien. Kanada könnte hier eine umweltfreundlichere Alternative bieten. „Das Fördern von kritischen Rohstoffen in China ist bislang ein umweltschädlicher Prozess“, erklärt Thimm. Länder wie Kanada könnten den Prozess ethischer machen, unter besseren Umweltauflagen und Menschenrechtsbedingungen.
Trumps Traum vom 51. Bundesstaat
Trump hat Kanada wiederholt als 51. Bundesstaat bezeichnet. Thimm hält eine Annexion für unrealistisch: „Das machen die Kanadier nicht mit. So weit wird auch Trump nicht gehen, denn Kanada ist ein wichtiger Nato-Partner.“ Besorgniserregend seien allerdings separatistische Bestrebungen in der Provinz Alberta, die von Trumps MAGA-Bewegung unterstützt würden. „Das ist ein Angriff auf die kanadische Souveränität.“
Verteidigung: Kanada rückt an Europas Seite
Auch bei der Sicherheitspolitik nähern sich Kanada und die EU an. Kanada beteiligt sich seit langem an europäischen Missionen, unterstützt die Ukraine und führt die Nato-Präsenz in Lettland als Lead Nation an. Jetzt wollen sich beide Seiten unabhängiger von den USA machen. Kanada will U-Boote von einem deutsch-norwegischen Konsortium kaufen. Zudem hat die EU Kanada in ihr neues Rüstungsprogramm SAFE aufgenommen. „Kanadische Unternehmen erhalten dadurch Zugang zu europäischen Rüstungsaufträgen und Krediten“, erklärt Thimm. Das sei eine bemerkenswerte Ausnahme, da diese Förderung eigentlich nur EU-Mitgliedern vorbehalten ist.
Carney: Europas uneingeschränkter Bewunderer?
EU-Politiker zeigen sich angetan von Carneys klaren Worten. Er sagte, aus der Zäsur durch Trump könne „etwas Besseres, Stärkeres und Gerechteres“ entstehen. Thimm erklärt sich Carneys Europa-Nähe biografisch: Der Kanadier war Präsident der kanadischen Zentralbank und später der britischen Zentralbank, wo er den Brexit managte. „Er kennt sich gut mit der EU aus“, so Thimm. Zudem sei Carney selbstbewusst, pragmatisch und wisse genau, wie abhängig Kanada von den USA bleibt. Deshalb pflege er auch den Kontakt zu China.
EU-Beitritt? Nur eine Ferndebatte
Eine Umfrage der kanadischen Tageszeitung „The Globe and Mail“ zeigt, dass knapp 60 Prozent der Kanadier einen EU-Beitritt befürworten. Rechtlich wäre das aber kaum möglich, denn die EU-Verträge erlauben nur europäischen Ländern die Mitgliedschaft. Thimm bleibt skeptisch: „In der Politik soll man niemals nie sagen, aber die Bestrebungen sind nicht fortgeschritten genug.“ Kanada sei nicht nur eine europäische, sondern auch eine pazifische Nation. Die multiethnische Gesellschaft könnte allerdings ein Anknüpfungspunkt sein.



