Der Handschlag von Verdun: Inszenierte Versöhnung oder spontane Geste?
Handschlag von Verdun: Inszeniert oder spontan?

Der Handschlag von Verdun: Eine Geste der Versöhnung

Am 22. September 1984 schrieben François Mitterrand und Helmut Kohl Geschichte: Vor dem Beinhaus von Douaumont, umhüllt von den Flaggen Frankreichs und Deutschlands, reichten sich die beiden Staatsmänner die Hände. Minutenlang standen sie barhäuptig, Hand in Hand, vor dem Mahnmal gegen die Sinnlosigkeit des Krieges. Dieses Bild ging um die Welt. Doch war diese Geste wirklich spontan oder war sie abgesprochen? Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT beleuchtet die Hintergründe.

Die Vorgeschichte: Ein diplomatisches Dilemma

Die 1980er-Jahre waren ein Jahrzehnt voller historischer Jubiläen. 1984 jährte sich der D-Day zum 40. Mal. Frankreichs Präsident François Mitterrand, ein Sozialist und Patriot, lud die Staatschefs der westlichen Alliierten zur Feier in die Normandie ein – aber keinen Vertreter der Bundesrepublik Deutschland. Dies brachte Mitterrand in Verlegenheit, wie aus deutschen Gesprächsprotokollen hervorgeht. Helmut Kohl sah die Chance und ergriff sie: Er schlug ein gemeinsames Gedenken auf einem Soldatenfriedhof vor. Mitterrand stimmte spontan zu.

Die Planung: Neun Tage bis zur Einigung

Bereits neun Tage später, beim deutsch-französischen Gipfel in Rambouillet, machte Kohl einen konkreten Vorschlag: ein gemeinsamer Besuch in Verdun. Mitterrand sagte sofort zu. Am 12. September lud er Kohl offiziell ein, „zur gemeinsamen feierlichen Ehrung der Gefallenen beider Weltkriege“. Nur zehn Tage später trafen sich die beiden in Metz, flogen zum deutschen Soldatenfriedhof Consenvoye und dann nach Douaumont. Dort, im Beinhaus mit den Überresten von 130.000 nicht identifizierten Toten, geschah das Historische.

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Der Moment: Spontan oder geplant?

Nach dem Kranzniederlegen standen Kohl und Mitterrand nebeneinander, barhäuptig, trotz Nieselregen. Plötzlich streckte Mitterrand seine linke Hand aus, Kohl ergriff sie mit seiner rechten. Minutenlang verharrten sie so. Der offizielle Bericht des Auswärtigen Amtes vermied eine klare Aussage zur Spontaneität. Eine gestrichene Passage im Entwurf deutet darauf hin, dass man Diskussionen vermeiden wollte. Die „Neue Zürcher Zeitung“ nannte die Zeremonie eine „fast krampfhaft als historisches Ereignis inszenierte Zeremonie“. Historiker Ulrich Lappenküper vermutet, dass Mitterrands Gespür für Geschichte wirkte, nicht ein geplanter Akt.

Die Deutung: Ein Symbol der Versöhnung

Ob spontan oder geplant – die Geste hatte enorme Symbolkraft. Sie zeigte die Überwindung der deutsch-französischen Feindschaft und die gemeinsame Trauer um die Opfer der Weltkriege. Helmut Kohl selbst schrieb in seinen Memoiren, dass die Geste spontan war. Doch Memoiren sind bekanntlich nicht immer die verlässlichste Quelle. Die gestrichene Passage im Entwurf des Auswärtigen Amtes zeigt, wie sensibel das Thema war. Letztlich bleibt der Handschlag von Verdun ein einzigartiges Bild der Versöhnung.

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