Gianni Infantino hat kurzfristig die Fußball-Weltmeisterschaft verlassen, noch bevor das erste Halbfinale angepfiffen wurde. Der FIFA-Präsident reiste aus einem traurigen Anlass nach Katar: Er nahm an der Beerdigung von Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani teil, dem Vater des amtierenden Emirs. Der frühere Emir war am Sonntagmorgen im Alter von 74 Jahren verstorben. Laut Medienberichten flog Infantino mit einem Privatjet von Qatar Airways zur Beisetzung. Bereits während des Turniers soll er den Jet genutzt haben. Pünktlich zum ersten Halbfinale am Abend soll er wieder in den USA sein.
Infantino zeigt sich tief betroffen
„Heute habe ich mich meinem Land, Katar, angeschlossen, um für den Mann zu beten, der Katar zu einer großartigen Nation gemacht hat“, schrieb Infantino in einem langen Beitrag auf Instagram. „Heute habe ich gebetet und Abschied genommen von dem mutigsten Mann, Seiner Hoheit, dem Vater-Emir Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani, der mich gelehrt hat, dass Mut bedeutet, Veränderungen anzunehmen und stets voranzuschreiten. Heute fühle ich mich als Katarer und schließe mich Millionen von Menschen in ihren Gebeten an, um ihm Frieden zu wünschen und Gott zu bitten, seiner Seele Ruhe zu gewähren.“
Infantino ist in seiner Amtszeit als FIFA-Präsident ein enger Verbündeter Katars. Das Emirat im Nahen Osten richtete die international umstrittene WM 2022 aus. Überschattet wurde das Turnier jedoch vom Schicksal der Arbeitsmigranten, die die Infrastruktur Katars auf- und ausgebaut hatten.
Neue Beschwerde wegen politischer Neutralität
Derweil droht Infantino bei der laufenden WM der nächste Ärger. Die Menschenrechtsorganisation FairSquare hat beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine zehnseitige Beschwerde gegen ihn eingereicht. Grund dafür seien mehrere Verstöße des FIFA-Chefs gegen die Regeln zur politischen Neutralität. Dabei geht es vor allem um die Nähe des IOC-Mitglieds Infantino zu US-Präsident Donald Trump.
„Gianni Infantino hat wiederholt gegen die Regeln des IOC zur politischen Neutralität verstoßen, indem er dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, seine politische Unterstützung ausgesprochen hat“, schrieb FairSquare und bezog sich auf Beweise, die „fünf eindeutige Verstöße gegen die IOC-Regeln zur politischen Neutralität“ nahelegen würden. Ferner habe die Organisation Anscheinsbeweise für weitere Verstöße vorgelegt.
Fälle von möglicher Einflussnahme
Dabei gehe es im ersten Fall um „eine mögliche Nachgiebigkeit gegenüber politischem Druck von Präsident Trump, um die Disziplinarregeln der FIFA für das Spielgeschehen während der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2026 zu umgehen“, also den Fall des US-Nationalspielers Folarin Balogun. Ein zweiter Fall dreht sich um Werbung Infantinos für eine FIFA-Fanseite, die Teil einer mit Trump in Verbindung stehenden Datensammelkampagne gewesen sein soll.
IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hatte in der vergangenen Woche bei einer Pressekonferenz auf entsprechende Nachfrage gesagt, die IOC-Ethikkommission werde sich damit beschäftigen, wenn eine Beschwerde vorliege. Das IOC hatte erst Ende Juni die Unabhängigkeit des olympischen Sports von staatlichem, gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Druck in seiner Charta betonen lassen.
Bereits frühere Beschwerde eingereicht
FairSquare hatte kurz nach der Verleihung des FIFA-Friedenspreises von Infantino an Trump im vergangenen Dezember bereits eine offizielle Beschwerde bei der Ethikkommission der FIFA eingereicht. Dieser hatten sich Norwegens Fußballverband sowie 50 Abgeordnete des Europäischen Parlaments angeschlossen.



